Maulbeeren: Schwarze und Weiße Maulbeeere (Morus alba L. und Morus nigra L.)
Zu den Pflanzen, die kulturgeschichtlich in besonderer Weise mit der griechischen Peloponnes verbunden sind, gehört vor allem der Maulbeerbaum. Wobei es genau genommen um zwei Arten der Gattung Morus geht, nämlich die Schwarze Maulbeere (Morus nigra) und die Weiße Maulbeere (Morus alba). Beide sind faszinierende Gehölze mit ihrer je eigenen Geschichte und zahlreichen Legenden. Dazu gehört auch, dass sie seit der Antike in vielfältiger Weise genutzt wurden.
Heute werden diese beiden Baumarten überwiegend als raschwüchsige und wirkungsvolle Schattenspender gesehen und im Griechischen meist nur als Μουριά (Mouriá) bezeichnet. Aus diesem Grund seien die beiden Arten hier auch in einer Art Doppelporträt vorgestellt.
Schwarze Maulbeere (Morus nigra L.)
Eine wechselvolle Namensgebung
Die Peloponnes wurde jahrhundertelang „Morea“ (griechisch Μωρέας oder Μωριάς) genannt. Diese romanische Bezeichnung geht auf den altgriechischen Begriff μóρον (móron) zurück und stammt aus dem Mittelalter, aus der Zeit nach dem Vierten Kreuzzug (1202-1204), als im Nordwesten der Peloponnes das Fürstentum Achaia gegründet wurde. Bald darauf gewannen jedoch die Osmanen in der Region mehr und mehr Einfluss und beherrschten schließlich bis zur Griechischen Revolution 1821 nahezu die gesamte Peloponnes – mit einer nicht unwichtigen Unterbrechung zwischen 1684 (Großer Türkenkrieg oder Fünfter Österreichischer Türkenkrieg) und 1715, als die Venezianer die Herrschaft über die „Morea“ innehatten.
Karte der Morea (Peloponnes) von Cluver, ca. 1697
Karte der Morea (Peloponnes) eines Amsterdamer Kartografen, ca. 1688
Während dieser ganzen Zeit war dieser Teil Griechenlands allgemein als „Morea“ bekannt, was sich auch auf den zahlreichen historischen Kartenwerken ablesen lässt. Die Kartografie besonders am Ende des 17. und im frühen 18. Jahrhundert war geprägt von einer Verschmelzung wissenschaftlicher und ornamentaler Elemente. Die Ausschmückungen haben oft symbolischen Charakter und wollen die kulturelle oder politische Bedeutung der betreffenden Region unterstreichen. Es ist kein Zufall, dass die „Morea“ dabei immer wieder auch in Form eines Maulbeerbaumblatts dargestellt wird. Immerhin war der Maulbeerbaum – und zwar sowohl die Schwarze als auch die Weiße Maulbeere – schon damals längst einer der wichtigsten Pflanzen der Peloponnes. Um 400 v. Chr. aus Vorderasien nach Griechenland eingeführt, verbreiteten sich die Maulbeerbäume zu Zeiten der Römer vermehrt in den wärmeren Regionen Europas.
Nachdem Griechenland seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erreicht hatte, wurde die Bezeichnung „Morea“ wieder durch die antike Benennung „Peloponnes“ ersetzt.
Papaflessas’ Maulbeerbaum
Vor einiger Zeit stieß ich in Poliani, einem kleinen Dorf der Peloponnes, auf einen Schwarzen Maulbeerbaum, mit dem eine besondere Geschichte verbunden ist und ihm den ehrenvollen Namen „Papaflessas’ Maulbeerbaum“ (η Μουριά του Παπαφλέσσα) eingebracht hat.
„Papaflessas’ Maulbeerbaum“ in Poliani, Messenien
Der Überlieferung zufolge steht dieser Maulbeerbaum in Verbindung mit einem Vorfall, der sich während der griechischen Befreiungskämpfe um 1821 ereignete. Der heute noch in ganz Griechenland berühmte Revolutionsheld, Priester und Staatsmann Grigorios Dikaios, im Volksmund als Papaflessas bekannt, war damals noch ein Kind. Es heißt, der örtliche osmanische Bey habe Truppen entsandt, um einen Großteil der Ernte aus dem Dorf Poliani, dem Geburtsort von Papaflessas, zu beschlagnahmen. Als die beladenen Maultiere an dem Maulbeerbaum angebunden wurden, ließ der junge Grigorios einen Schwarm Bremsen auf ihre Hinterteile los, wodurch die Tiere auskeilten und ihre Lasten abwarfen. Als Vergeltung sollen die Truppen des Beys drei Kinder aus dem Dorf gefesselt und durch das Dorf geschleift haben.
Papaflessas’ Maulbeerbaum ist übrigens eine Schwarze Maulbeere mit ausladender Krone und trotz seines Alters von deutlich über 200 Jahren ein kräftiger und gesunder Baum.
An den Früchten sollt ihr sie erkennen…
Die beiden Maulbeerbaumarten sind vor allem an ihren Früchten leicht und sicher zu unterscheiden: Während die Früchte der Schwarzen Maulbeere länglich-dick, purpurn bis schwärzlich-violett sind und damit ein wenig an Brombeeren denken lassen, sind die Früchte der anderen Art weiß-gelblich. Essbar sind die Früchte beider Arten, schmackhaft sind aber vor allem die frischen schwarzen Maulbeeren: säuerlich-süß und sehr saftig (und intensiv färbend…).
Schale mit weißen und schwarzen Maulbeeren und Kirschen
Die weißen Maulbeeren lassen sich – im Gegensatz zu den schwarzen Maulbeeren – sehr gut trocknen. Auf der Peloponnes waren sie jahrhundertelang Teil der bäuerlichen Selbstversorger-Nahrung, nicht zuletzt als Notnahrung für den Winter. Heute werden diese Früchte aufgrund ihrer Inhaltsstoffe (verschiedene Vitamine, Eisen und andere Mineralstoffe sowie Antioxidantien) als „Superfood“ geschätzt und weltweit als Trockenobst gehandelt.
Beide Baumarten sind sommergrüne Bäume, wobei der Schwarze Maulbeerbaum mit bis zu 15 Meter Höhe größer und mächtiger wird als der Weiße Maulbeerbaum. Die Blattform beider Arten ist sehr variabel, von einfach und eiförmig-rundlich bis unregelmäßig gelappt oder gespalten, fast immer ungleichmäßig grob gesägt, 6-18 Zentimeter lang.
Die Blüten der Maulbeerbäume erscheinen im späten Frühjahr, sind aber eher unscheinbar. Sie stehen in grünlichen, kätzchenähnlichen Blütenständen und entwickeln sich zu Fruchtverbänden, so genannten Scheinfrüchten, in denen die fleischig ausgewachsenen Blütenhüllen der Einzelblüten miteinander zu den 1-3 Zentimeter großen „Beeren“ verwachsen sind.
Weiße Maulbeere (Morus alba L.), Blütenstände und Scheinfrüchte
Seidenraupenzucht, Viehfutter und lebende Sonnenschirme
Die Nutzung der Weißen Maulbeere reicht tief in die Vergangenheit zurück. So wurden diese Bäume in China schon ab etwa 2700 Jahre v. Chr. in umfangreicher Weise zur Seidenraupenzucht kultiviert. In der Antike wurden sowohl die Weiße als auch die Schwarze Maulbeere von Griechen und Römern im Mittelmeerraum angesiedelt, und in den darauffolgenden Jahrhunderten wurde besonders die Weiße Maulbeere auch nördlich der Alpen für die aufstrebende europäische Seidenproduktion gepflanzt.
Heute spielt die Seidenproduktion kaum mehr eine Rolle, doch das Holz wird gerne für Möbel, Musikinstrumente und Weinfässer genutzt. Die größte Bedeutung hat die Weiße Maulbeere heute weltweit in klimatisch günstigen Regionen als Ziergehölz und Schattenbaum in Parks, an Straßen und auf Plätzen. Viele Griechen finden, dass die Μουριά oder Συκαμινιά unter allen Bäumen den allerkühlsten Schatten spendet. Daher finden sich auf Dorfplätzen wie in Hausgärten neben den Weißen Maulbeerbäumen auch Schwarze Maulbeerbäume, wenn auch in geringem Umfang, denn die intensiv färbenden schwarzen Maulbeeren werden nicht selten als störend empfunden…
Weiße Maulbeere (Morus alba L.)
Seit einigen Jahren gibt es im Mittelmeerraum verstärkt Bemühungen, die Weiße Maulbeere als Viehfutter einzusetzen. Der hohe Biomasseertrag der Pflanzen, zusammen mit hohen Protein-, aber niedrigen Gerbstoffgehalten, bildet eine gute Ergänzung zum sommerlichen Mangel an Weidegras. Dabei hilft die starke Regenerationskraft dieser Bäume, wie sie seit langem vor allem zur Formung der Baumkronen genutzt wird: Schneidet man im Herbst die Äste bis zu den Hauptverästelungen des Stammes zurück, treiben sie im Frühling umso prächtiger und reicher belaubt aus. Indem man dann einzelne Triebe mit gefüllten Wasserflaschen oder Ähnlichem beschwert, lässt sich die Struktur der Krone bestimmen und die biegsamen Äste wachsen in der Art eines aufgespannten Sonnenschirms.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.