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Ziegenfuß-Sauerklee (Oxalis pes-caprae L.)

Eine erfolgreiche Migrationsgeschichte

Im Winter sind auf der Peloponnes – und nicht nur in diesem Teil Griechenlands, sondern auch in vielen anderen mediterranen Ländern – viele Olivenhaine und andere Grünflächen mit leuchtend zitronengelb blühenden Pflanzen bedeckt. So dicht, dass vielfach kaum eine andere Pflanze zum Vorschein kommt. Angesichts der Tatsache, dass diese eher kleinwüchsige Blütenpflanze erst vor rund 200 Jahren in den Mittemeerraum gelangte, erscheint dieses massenhafte und großflächige Vorkommen beinahe unglaublich. In jedem Fall handelt es sich um eine besonders erfolgreiche Migrationsgeschichte...

Dabei hat es ganz bescheiden angefangen

Der ursprünglich in Südafrika heimische Ziegenfuß-Sauerklee (Oxalis pes-caprae L.) wurde um 1757 über Bermuda als Zierpflanze nach London gebracht, wo die ersten europäischen Pflänzchen von Gartenliebhabern kultiviert und verbreitet wurden. So kam dieser Sauerklee zunächst auch nach Malta, um 1800 nach Sizilien, wenige Jahrzehnte später nach Sardinien und 1883 nach Kreta. Von da an beschleunigte sich die Ausbreitung dieser Oxalis-Art und im Lauf des 20. Jahrhunderts breitete sie sich über den ganzen Mittelmeerraum aus.

Klee vs Sauerklee

Der Name Sauerklee weckt manchmal fasche Assoziationen, denn dabei denken viele an Klee-Arten wie etwa Kopfklee, Wiesenklee, Schneckenklee, Hopfenklee, Hornklee, Steinklee und andere. Diese Klee-Arten gehören jedoch alle zu den Hülsenfrüchtlern (Fabaceae), während der Sauerklee (Gattung: Oxalis) Teil einer eigenen Familie ist, nämlich den Sauerkleegewächsen (Oxidalaceae). Dabei unterscheiden Botaniker heute weltweit rund 560 verschiedene Oxalis-Arten, die zumeist in den Subtropen und Tropen zu finden sind.

Viele Sauerklee-Arten sind nur kleinräumig verbreitet und eher ein Fall für Botaniker, die sich auf diese Pflanzengruppe spezialisiert haben. Unser Ziegenfuß-Sauerklee macht aber schon aufgrund seiner großen Verbreitung im Mittelmeerraum jeden auf sich aufmerksam, der in den Wintermonaten hier unterwegs ist und sich ein wenig für Wildpflanzen interessiert.

Es handelt sich um eine mehrjährige krautige Pflanze, mit einer Wuchshöhe zwischen 10 und 50 Zentimeter. Aus einer Blattrosette entspringen sehr lang gestielte, dreiteilig gefiederte Blätter („kleeblattartig“). Die Fiederblättchen sind tief verkehrt-herzförmig und unterseits behaart, häufig tragen sie kleine braune Flecken.

Das Auffälligste ist jedoch die Blüte: An einem langen doldigen Blütenstand befinden sich sechs bis zwölf trichterförmige, leuchtend zitronengelbe, zwittrige Blüten. Die fünf Kronblätter sind an der Basis miteinander verwachsen. Nachts oder bei Regenwetter schließen sich die Blätter zum Blattstiel hin und die Blüten rollen sich ein. Falls es zur Bildung Samen kommt, reifen diese in einer kleinen Kapselfrucht.

Auf Insektenbestäubung kann gut verzichtet werden...

Die Fortpflanzungsstrategie des Ziegenfuß-Sauerklees ist überraschend und bemerkenswert: Zwar werden die Blüten während der Blütezeit zwischen Dezember und Ende April bzw. Anfang Mai gerne von Honigbienen und anderen Insekten besucht, aber das führt im Mittelmeerraum kaum zu einer erfolgreichen sexuellen Fortpflanzung. Der Grund liegt darin, dass diese Sauerklee-Art drei verschiedene Blüten-Typen hervorbringt:

- Typ S: Fruchtblatt kurz, Staubblätter mittellang und lang,
- Typ M: Fruchtblatt mittellang, Staubblätter kurz und lang, und
- Typ L: Fruchtblatt lang, Staubblätter kurz und mittellang.

Das hat Konsequenzen für die Bestäubung: Ein kurzes Fruchtblatt kann nur von Pollen aus einem kurzen Staubblatt befruchtet werden, ein mittellanges Fruchtblatt nur von mittellangen Staubblättern und ein langes Fruchtblatt nur von langen Staubblättern. Damit ist nicht nur eine Selbstbefruchtung ausgeschlossen, sondern zur erfolgreichen Befruchtung ist auch ein Pollenübertrag zwischen zwei verschiedenen Blütentypen erforderlich.

In Südafrika kommen auch alle drei Blütentypen vor, und so ist eine Verbreitung über Samen (Selbstausstreuung) möglich. In den Mediterran wurde jedoch nur der Typ S eingeführt, und so erfolgen Vermehrung und die Verbreitung hier vegetativ durch am Rhizom sitzende Brutknöllchen; eine generative Vermehrung findet nur in Einzelfällen statt. Aber wie wir sehen können, ist die vegetative Vermehrung so erfolgreich, dass die Pflanze auf eine „Zusammenarbeit“ mit Blüten besuchenden Insekten gut verzichten kann. Und besonders anspruchsvoll ist dieser Sauerklee ohnehin nicht: Er gedeiht auf den unterschiedlichsten Böden, sowohl in sonniger als auch in eher schattiger Lage.

Der Kampf ums Dasein

Oxalis pes-caprae verdrängt häufig andere Pflanzenarten, vor allem in jenen Mittelmeerregionen, die zahlreiche endemische Arten aufweisen. Das lässt sich auch gut in Olivenhainen auf der Peloponnes beobachten, wo eine ursprünglich artenreiche Krautschicht unter den Olivenbäumen heute durch diese Sauerklee-Art vielerorts vollständig verdrängt worden ist. Das ist abgesehen von einer damit verbundenen ökologischen Verarmung auch für die Landwirte mit Nachteilen verbunden, denn Weidetiere können die Pflanze wegen der in den Blättern enthaltenen Oxalsäure nicht nutzen. Immerhin wird dieser Sauerklee als Bienentrachtpflanze geschätzt, da während seiner Blütezeit verhältnismäßig wenig andere Pflanzen blühen. Und ich will auch gestehen, dass die Überfülle an gelben Blüten im Januar und Februar schon einen ganz eigenen ästhetischen Reiz hat...

Es ist aber nicht gesagt, dass die Erfolgsgeschichte des Ziegenfuß-Sauerklees immer so weiter geht: In Malta, wo seine Verbreitung im Mittelmeerraum begonnen hat, hat sich offenbar die parasitische Sommerwurz Orobanche ramosa subsp. mutelii auf diese Sauerklee-Art als Wirt spezialisiert. Sie kann ganze Bestände des Sauerklees in wenigen Wochen vollständig vernichten.

Sauerklee in anderer Gestalt

Kulturgeschichtlich interessant ist, dass schon um 150 v. Chr. in Aufzeichnungen eines gewissen Nikandros von Colophon (griechischer Arzt und Dichter, ca.197-130 v. Chr.) eine säuerlich schmeckende Pflanze erwähnt und allgemein als „Oxalis“ bezeichnet wird. Auch wenn wir nicht wissen, um welche der in Europa heimischen Arten es sich handelt, wurden doch verschiedene Sauerklee-Arten seit dem Altertum als Heilpflanze eingesetzt: äußerlich als ätzende Paste gegen vielerlei Geschwüre, innerlich als Extrakt gegen Verdauungsstörungen.

Der in Mitteleuropa verbreitete Wald-Sauerklee (Oxalis acetosella L.) wird jedoch – wenn überhaupt – höchstens gelegentlich als Zutat für Frühjahrssalate genutzt, obwohl sein angenehm säuerliches Aroma durchaus als Bereicherung gesehen werden kann. Dass Sauerklee wegen seines Oxalsäuregehalts aber von uns Menschen nur in geringen Mengen gegessen werden sollte, hat auch Oliver Leich bei seiner Vorstellung des Barrelier-Sauerklees, einer Sauerklee-Art in Mittelamerika, genau beschrieben (vgl. https://www.facebook.com/profile/100064846264392/search/?q=Barrelier&locale=de_DE).

Wald-Sauerklee (Oxalis acetosella L.)

Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.