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Meerträubel (Ephedra distachya L. subsp. distachya)

Ein auffallender Klippenbewohner

Hier handelt es sich um ein Gewächs, das sicherlich jeder schon mal gesehen hat, der an Meeresküsten oder in küstennahen Regionen der Peloponnes unterwegs war: eine etwa ein bis wenige Meter große Pflanze aus sparrig verzweigten grünen Trieben, oft an steilen Felsklippen oder über Mauern wachsend und nicht selten mit zahlreichen leuchtend roten Beeren.

Beeren? Nein, irritierenderweise sind es eben keine Beeren, sondern Zapfen. Das gilt jedenfalls für Botaniker, denn diese Pflanze – das Meerträubel – gehört zu den Meerträubelgewächsen (Ephedraceae). Diese Pflanzenfamilie wird wiederum zu einer Pflanzenordnung gezählt, die den Nadelgehölzen oder Koniferen nahesteht. Daher gelten die „Früchte“ des Meerträubels auch als Zapfen, wenngleich manche Botaniker hier auch den Begriff „Scheinfrüchte“ vorziehen. Vermutlich, weil das Erscheinungsbild der kleinen roten, fleischigen Kugeln so gar nicht typischen Zapfen entspricht.

Das so genannte Gemeine Meerträubel ist aber auch noch in anderer Hinsicht etwas befremdlich: Eine solche Pflanze ohne Zapfen (oder Scheinfrüchte) kann auf den ersten Blick leicht mit einer Art Ginster oder Schachtelhalm verwechselt werden – zwei völlig andere Gewächse. Entdeckt man dann an den Trieben „kleine rote Kugeln“, ist das für die Bestimmung natürlich ungemein hilfreich…

Die auf der Peloponnes wahrscheinlich häufigste Meerträubel-Art ist das Gemeine Meerträubel, botanisch Ephedra distachya L. subsp. distachya. Bei einer zweiten Unterart namens Schweizerisches Meerträubel, Ephedra distachya L. subsp. helvetica, handelt es sich um einen nur in den Alpen vorkommenden, ziemlich seltenen Zwergstrauch, der gerade mal etwa 25 Zentimeter groß wird. Manche Botaniker stufen dieses Meerträubel allerdings als eigene Art ein: Ephedra helvetica. Wie umstritten die exakte Zuordnung der verschiedenen Meerträubelarten ist, zeigt bereits die Vielzahl unterschiedlicher wissenschaftlicher Benennungen (Synonyme), mit denen diese Art im Lauf der Jahre belegt wurde.

Liebhaber extremer Standorte von Europa bis Asien

Das Gemeine Meerträubel ist laut Wikipedia über West- und Zentralasien bis Xinjiang (Nordwestchina) verbreitet. In Griechenland begegnen wir dieser Pflanze außer auf der Peloponnes nur noch ganz im Norden, in den Regionen Westmakedonien, Zentralmakedonien und Ostmakedonien/Thrakien – auch dort jeweils an den Meeresküsten und in küstennahen Gebieten bis in eine Höhe von etwa 150 m NN. Vorzugsweise in vollsonniger Lage, oft auch an extrem trockenen Standorten.

Schauen wir uns diese Pflanze genauer an:

Es ist eine verholzende, als Rutenstrauch oder kletternd wachsende Pflanze, mit stark verzweigten, schachtelhalmartigen, grünen Ästen, bis rund 50 Zentimeter hoch, gelegentlich auch bis über 1 Meter. Die Blätter sind zu Schuppen reduziert, die an den Knoten der Äste sitzen; die Photosynthese findet nahezu ausschließlich über die grünen Zweige statt.

Die Pflanze ist zweihäusig (diözisch), das heißt, männliche und weibliche Blüten finden sich auf verschiedenen Individuen. Männliche Zapfen einzeln oder zu zweit bis dritt an den Knoten, darin die häutigen Hochblätter. Die Hochblätter der weiblichen Zapfen werden zur Fruchtzeit fleischig und rot; sie bilden eine Scheinfrucht, aus der die Samen ragen, mit jeweils 1-3 gelben bis dunkelbraunen Samen. Das ist der Grund, weshalb das Meerträubel zu den Nacktsamern bzw. Koniferen gerechnet wird.

Weltweit werden rund 70 verschiedene Meerträubel-Arten unterschieden, wobei auf der Peloponnes noch zwei weitere Arten vorkommen:

Das Krummstiel-Meerträubel (Ephedra foeminea Forssk.) ist an den griechischen Küsten generell weit verbreitet. Diese Art besitzt besonders schlanke Triebe und wächst dichtstrauchig, kletternd bis hängend, an Bäumen, Felsen und Mauern.

Das Nebroden-Meerträubel oder Große Meerträubel (Ephedra nebrodensis subsp. procera (Fisch &C.A.Mey) K.Richt.) wird bis 2 Meter hoch, ist stark verzweigt und schachtelhalmartig. Die weiblichen Zapfen bilden zur Fruchtzeit eine fleischige, gelbliche oder rote, etwa 7 Millimeter große Scheinfrucht, die die Samen völlig bedeckt.

Vom Mormonentee …

Unter den außereuropäischen Ephedra-Arten fällt unter ökologischen Gesichtspunkten eine besonders auf: die Grüne Ephedra oder Grüne Gelenk-Tanne, botanisch Ephedra viridis. Diese Art kommt in den westlichen US-Bundesstaaten New Mexico, Arizona, Kalifornien, Colorado, Utah und Nevada vor. Sie ist sowohl trockenheitsresistent als auch winterhart. Da die Stängel auch durch Schneeschichten hindurchragen, ist sie eine wichtige Winter-Nahrungsquelle für zahlreiche Wildtiere.

Die grüne Ephedra wächst häufig auf Kalkstein und ist an trockene, felsige, offene Standorte mit groben, sehr gut drainierten Böden angepasst. Traditionell verwendeten die nordamerikanischen Ureinwohner die Stängel dieser Pflanze zur Herstellung von Getränken, darunter ein medizinischer Tee zur Behandlung von Rückenschmerzen. Darüber hinaus konnten die Samen zu einem kaffeeähnlichen Getränk aufgebrüht oder zu Mehl gemahlen werden. Auch sind Ephedra-Arten mancherorts als Mormonentee bekannt – ein Aufguss aus Trieben von Ephedra nevadensis, eine Meerträubel-Art, die in den südlichen USA vorkommt. Der Name dieses mit Zitronensaft ergänzten Getränks stammt vom ehemaligen Gebrauch unter Mitgliedern der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage („Mormonen“), denen neben Alkohol auch Kaffee und Schwarztee verboten ist.

… zur weltweit gehandelten Rauschdroge

Die Ephedra-Arten enthalten meist herzkreislaufwirksame Alkaloide wie Ephedrin, Norephedrin, Pseudoephedrin. Diese Substanzen ähneln der chemischen Struktur des Adrenalins und wirken stark stimulierend und erhöhen den Puls und den Blutdruck (Verengung der Blutgefäße). Die thermogenetischen Eigenschaften (Erhöhung der Körpertemperatur) fördern den allgemeinen Stoffwechselabbau (Diätmittel, Fatburner). Dabei ist der Wirkstoffgehalt von Pflanze zu Pflanze, aber auch von einer Jahreszeit zur anderen stark schwankend.

Ephedrakraut ist heute rezeptpflichtig, da die stimulierende Wirkung das Abhängigkeitspotenzial erhöht und das enthaltene Ephedrin als Basis für die chemische Synthese von Methamphetamin (Meth) dient, einer Droge mit hohem Abhängigkeitspotential.

Erschreckend ist die Rolle, die Meerträubel seit etwa zehn Jahren im afghanischen Drogenmarkt spielt. Zwar ist Afghanistan vor allem bekannt für seine Mohnfelder, von denen bis zu 90 Prozent des weltweit gehandelten Heroins stammt. Mittlerweile wird in Afghanistan aber auch Meth hergestellt – aus dort wachsenden Ephedrapflanzen (lokal bandak oder oman). Diese galten lange als wertlose Gebirgssträucher, bis man entdeckte, dass man damit die gewünschte Substanz sehr viel kostengünstiger als bisher herstellen kann. Weil Ephedra-Kraut eine Wildpflanze ist und keine Chemikalie, die importiert werden muss, hat das neue Meth-Geschäft es afghanischen Drogenproduzenten ermöglicht, schlechte Mohnernten und die Pandemie zu überstehen sowie über vergleichsweise niedrigere Verkaufspreise weltweit neue Abnehmer anzuwerben.

Auch wenn die Verwendung von Meerträubel-Arten zur Herstellung von Suchtmitteln alles andere als positiv ist, sind die Vertreter der Gattung Ephedra eine wertvolle Bereicherung der Vegetation in den betreffenden Regionen. Für mich gilt das ganz besonders, wenn ich an den Steilküsten der südlichen Peloponnes bin oder im Hinterland der Küste Lesesteinmauern mit dichtem Meerträubelbewuchs entdecke. Eine Entdeckung, die auch Sie vielleicht schon gemacht haben. Wenn nicht, so möchte ich Sie mit meinem kleinen Pflanzenportrait dazu gerne anregen.

Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.