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Ackergauchheil
(Lysimachia arvensis (L.) U.Manns & Anderb.)

Wetterpflanze, Mausgedärm und Vernunftkraut

Die Pflanzenart, die hier porträtiert werden soll – der Ackergauchheil (Lysimachia arvensis (L.) U.Manns & Anderb.) – ist keineswegs eine auf die Peloponnes beschränkte Art. Diese zierliche, einjährige Wildpflanze stammt zwar aus dem Mittelmeerraum, aber schon früh konnte sie sich in ganz Europa als Ackerunkraut etablieren. Aufgrund menschlicher Aktivität seit Jahrhunderten weltweit auf Äckern, in Gärten, Weinbergen und Schuttplätzen verbreitet, wird die Pflanze zu den so genannten Archäophyten gezählt.

Unscheinbar und meist übersehen

Der Ackergauchheil ist keine Pflanze, die man als besonders bekannt bezeichnen könnte. Und beliebt ist sie vermutlich noch weniger – trotz einer spannenden Geschichte, in der sie früher nicht nur als Wetter-Anzeiger eine gewisse Rolle spielte, sondern auch als durchaus bemerkenswerte Heilpflanze. Dazu später mehr.

Die Art gehört zu den Primelgewächsen. Seit einigen Jahren werden die weltweit rund 250 Gauchheil-Arten zu den Felberichen gerechnet und gehören demnach zur botanischen Gattung Lysimachia. In zahlreichen Bestimmungsbüchern findet man die Gauchheil-Arten allerdings immer noch unter dem älteren Gattungsnamen Anagallis.

Der Ackergauchheil, die vielleicht häufigste Art, ist längst in ganz Europa zu finden, und dass sie dennoch sogar vielen Pflanzenfreunden unbekannt ist, ist schon ein wenig erstaunlich. Immerhin zeigt allein die Vielzahl verschiedener Volksnamen, dass diese Pflanze früher trotz ihrer geringen Größe offenbar sehr genau betrachtet und beachtet wurde.

Begrenzt anspruchsvoll

Wie alle Pflanzen hat auch der Ackergauchheil bestimmte Anforderungen an seine Umwelt und Vorlieben, was seine Wuchsorte angeht. Aber diese Ansprüche sind nicht allzu hoch und lassen sich im Grunde in sehr unterschiedlichen Lagen erfüllen. So entdecken wir die kleine Pflanze in diversen „Unkrautgesellschaften“, also auf Ruderalflächen und Äckern, an Wegrändern und in Weinbergen und Gärten, vom Tiefland bis in mittlere Gebirgslagen von etwa 900 Metern.

Am liebsten sind der Pflanze lehmig-nahrhafte, kalkhaltige Böden in sonniger Lage. Der Boden sollte nicht zu trocken sein, aber keinesfalls Staunässe aufweisen.

Während die Art in Mitteleuropa nur zerstreut vorkommt, finden wir sie in Griechenland häufiger. Dort wächst sie in der trockenen Phrygana ebenso wie im Agrarland und Brachland, und das bis in Höhenlagen von etwa 1200 Metern.

Blümlein Gauchheil roth und blau

Der Ackergauchheil erhielt früher zahlreiche Volksnamen, die vielfach auf seine Nutzung als Wetterzeiger oder Arzneipflanze zurückgehen.

So lässt sich die Pflanze aufgrund einer Besonderheit ihrer Blüten als „pflanzliches Barometer“ ansehen: Während der Blütezeit von Mai/Juni bis September/Oktober öffnen sich die Blüten bei trockener Witterung in der Zeit zwischen 7 und 14 Uhr. Kündigt sich nun regnerisches Wetter an, bleiben die Blüten geschlossen oder schließen sich frühzeitig wieder. Daher Namen wie Wetterpflanze, Neunerblümle, Nebelkraut oder Nifelkraut.

Karl Friedrich Adolf Konrad Bartsch nahm 1879/1880 in seine Sammlung „Sagen, Märchen und Gebräuche aus Mecklenburg“ eine solche Beobachtung der Pflanze auf:

„Breitet sie am Morgen die Blüthen recht fröhlich aus, so regnet es in 24 Stunden nicht; versteckt sie dieselben halb unter die Blätter, so gibts einen Schauer; schließt sie sie gar nicht auf, dann fängt es bald stark an zu regnen.“

In diesem Werk zitiert Bartsch auch eine damals bekannte Warnung in gereimter Form:

„Blümlein Gauchheil roth und blau
Bei drohenden Wolken beschau!
Will es regnen, so gehen sie zu.
Hast du Gefahr, so eile du! 

Andere Namen für den Ackergauchheil beziehen sich allgemeiner auf sein Erscheinungsbild: Abele, Augenblüte, Blutstruppen, Weinbergstern, Corallenblümchen, Hahnentritt, Hühnertritt, Katzenfuß, Katzenpfötchen, Mausgedärm, Sperlingskraut, Vogelkraut etc.

Da die Pflanze früher insbesondere auch als Arznei gegen Nervenleiden („Geisteskrankheiten“) eingesetzt wurde, entstanden neben der heute noch üblichen Benennung „Gauchheil“ auch Bezeichnungen wie Gauchblume, Wutkraut, Vernunft und Verstand, Heil aller Welt etc.

Eigenartige Zweifarbigkeit und andere botanische Merkmale

Zur genauen Bestimmung der Pflanze sollten wir uns zunächst ihre Blüten genauer anschauen. Sie sitzen gestielt einzeln in den Blattachseln der Triebe und sind im Durchmesser nur 1-1,5 Zentimeter groß. Jede Blüte besteht aus einer doppelten fünfzähligen Blütenhülle: Die Kelchblätter sind ein wenig kürzer als die Kronblätter und haben einen häutigen Rand, die Kronblätter sind mennigerot (= var. arvensis) oder blau (= var. caerulea); beide Varietäten besitzen am Grund der Blüte einen typisch purpurfarbenen Ring.

Auf der Peloponnes dominiert übrigens deutlich die blaublühende Varietät des Ackergauchheils, während in Mitteleuropa vielfach die rotblühende Varietät vorherrscht.

Inwieweit die beiden Varietäten eventuell als eigene Arten anzusehen sind, ist unter den Systematikern noch umstritten. Auf die betreffenden Argumente soll hier aber nicht näher eingegangen werden. Auch gibt es gewisse Verwechslungsmöglichkeiten mit anderen Gauchheil-Arten, was eine Zuordnung im Einzelfall unsicher machen kann. So werden blaublütige Formen des Ackergauchheils oft mit dem Blauen Gauchheil (Lysimachia foemina) verwechselt. Allerdings können wir davon ausgehen, dass das keine besonderen Unterschiede hinsichtlich der Inhaltsstoffe der betreffenden Arten macht.

Der Ackergauchheil ist jedenfalls eine zierliche, einjährige Pflanze. Sie wurzelt tief und wird je nach Standort 5-10 Zentimeter hoch, gelegentlich auch höher. Die Stängel sind niederliegend oder aufsteigend und scharf 4-kantig. Die eiförmigen, hellgrünen Blätter werden bis knapp 2 Zentimeter lang und 5-10 Millimeter breit. Sie sitzen direkt am Stängel und sind immer zu zweit gegenständig angeordnet.

Die Blüten des Ackergauchheils werden vor allem durch Fliegen-Arten bestäubt. Der Geruch der ätherischen Öle macht die Pflanze für die meisten anderen Insekten unattraktiv bis abwehrend. 

Aus den befruchteten Blüten des Acker-Gauchheils entstehen etwa 5-8 Millimeter große, kugelförmige Kapselfrüchte. Diese öffnen sich bei Fruchtreife mit einem Deckel. Die kleinen dunkelbraunen, länglich-ovalen Samen werden dann durch den Wind verbreitet.

Giftig oder heilkräftig?

Die Frage nach der Eignung einer Pflanze als Arzneipflanze steht wie wohl immer in engem Zusammenhang mit einer möglichen Giftwirkung („Die Dosis macht das Gift.“) – so auch beim Ackergauchheil, der wegen bestimmter Inhaltsstoffe in manchen Publikationen pauschal als Giftpflanze bezeichnet wird.

Die Pflanze und ihre Samen enthalten unter anderem Saponine und unbekannte Glykoside, darunter das giftige Triterpenoid Cyclamin, das auch in Alpenveilchen (Cyclamen) vorkommt.

Bei empfindlichen Menschen können sich daher schon bei Berührung allergische Hautreaktionen zeigen. Die Einnahme von Pflanzenteilen kann zu weiteren Symptomen führen: Übelkeit, Kopfschmerzen, Zittern, Entzündungen bestimmter innerer Organe, schwache Narkotisierung.

Die Pflanze ist auch für Haustiere giftig. Der bittere Geschmack verhindert aber meist, dass Weidetiere die Pflanzen fressen. Lediglich auf überweideten Flächen kann es gelegentlich zu Vergiftungserscheinungen kommen.

Demgegenüber steht eine lange Tradition der Verwendung als Arzneipflanze. In der Antike wurde die Pflanze gegen Zahnschmerzen, Schlangenbisse, Nieren- und Leberleiden bis zur Behandlung von Melancholie eingesetzt. Die mittelalterliche Medizin nutzte die Pflanze zur Behandlung von Krampfanfällen, Epilepsie und Depression. Insbesondere die Anwendung gegen diverse psychische Störungen und Erkrankungen („Geisteskrankheiten“) führte schließlich auch zur volkstümlichen Bezeichnung „Gauchheil“ (Gauch = Narr, Kuckuck).

Es wurden aus der Pflanze auch Salben zur Behandlung von Hautkrankheiten hergestellt. Zudem wurde er als Tee unter anderem gegen Husten und Nierenbeschwerden verwendet.

Aufgrund seiner Giftigkeit findet sich das Kraut heute aber nur noch vereinzelt in homöopathischen Medikamenten.

Der Ackergauchheil als Liebhaberpflanze

Wer einen Steppengarten anlegen oder entwickeln will, könnte vielleicht auch den Ackergauchheil ansiedeln. Infrage kommen kiesig-lehmige Areale in sonniger Lage mit einem eher schütteren Bestand kleinwüchsiger Stauden, zwischen denen der Ackergauchheil jedes Jahr aufs Neue keimen, wachsen und blühen kann.

Die Vermehrung dieser einjährigen Pflanze erfolgt stets über Samen (Selbstaussaat), wobei zu berücksichtigen ist, dass es sich um einen so genannten Lichtkeimer handelt: Die Samen können zwar sehr lange im Boden überdauern, kommen aber nur bei entsprechender Lichteinwirkung zum Keimen. Selbst gesammeltes und ausgesätes Saatgut darf also nicht mit Erde bedeckt werden.

Bei zusagenden Gegebenheiten dürfte sich die kleine Pflanze aber wohl selbst um ihre Vermehrung kümmern, ohne dass man eine zu starke Ausbreitung fürchten müsste.

Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.