Kretische Schwertlilie (Iris unguicularis Poir.)
In Griechenland, vor allem in den südlichen Landesteilen wie auf der Peloponnes, beginnen in den letzten Wochen des Jahres die Kretischen Schwertlilien zu blühen. Sie besitzen wunderschön gezeichnete Blüten und ihre intensive Färbung macht sie unübersehbar.
Schwertlilien gehören generell zu den wichtigsten Zierpflanzen und von vielen Iris-Arten wurden und werden Gartenkulturformen gezüchtet, vor allem in England und in den USA. Die Vielfalt an Sorten ist inzwischen unübersehbar. Auch bei den Wildarten, bei denen in der WFO Plant List derzeit 332 Arten aufgeführt sind (https://wfoplantlist.org/taxon/wfo-4000019189-2025-06; Aufruf 10.12.2025), fällt es nicht leicht, einen Überblick zu gewinnen. Botaniker bemühen sich schon seit Jahrzehnten um eine geeignete Klassifizierung, wobei mir die des russischen Botanikers Rodionenko besonders stimmig erscheint. Aber natürlich gibt es auch gute Gründe für andere Systeme.
Auf der Peloponnes, der Wildpflanzenregion, mit der ich mich hier näher beschäftige, gibt es sechs Iris-Arten, unter denen ich stellvertretend die Kretische Schwertlilie – auch Algerische Iris genannt – herausgreifen will: Iris unguicularis Poir. Es handelt sich um eine so genannte Rhizom-Iris, die im Gegensatz zu den Zwiebel-Iris-Arten einen verzweigten Wurzelstock besitzt. Das ist nicht unwichtig zu wissen: Eine Rhizom-Iris wie die Iris unguicularis bevorzugt nämlich sandige und kiesig-trockene bis schwach feuchte, kargere Böden als eine Zwiebel-Iris und reagiert empfindlich auf zu viel Feuchtigkeit. Wir finden daher die Kretische Schwertlilie vor allem an vollsonnigen, warmen Standorten, deren Böden eher steinig und flachgründig sind. Dazu zählen Magerrasen und felsige Hänge, aber auch an vielen Weg- und Straßenrändern findet diese Iris Lebensräume, die ihr zusagen.
Die Tatsache, dass die Kretische Schwertlilie ein Rhizom besitzt, spielt übrigens auch eine Rolle, wenn man diese Art im (südlichen) Garten kultivieren möchte. Das ist – einen geeigneten Standort vorausgesetzt – nicht allzu schwierig, aber man sollte berücksichtigen, dass die im Lauf der Jahre immer breiter werdenden Stöcke nach und nach weniger Blüten bilden. Daher ist es sinnvoll, einen solchen Stock alle fünf oder sechs Jahre zu teilen. Die Teilstücke der Rhizome werden bei dieser vegetativen Vermehrungsmethode am besten so flach eingepflanzt, dass ihre Oberseite sichtbar bleibt.
Für alle, die sich mit der Kretischen Schwertlilie näher befassen wollen, hier ein paar botanische Details: Die Pflanze zählt als mehrjährige Blütenpflanze botanisch zu den „Stauden“, ein Wurzelstock (Rhizom) sichert die Lebensmöglichkeit über viele Jahre.
Die Laubblätter sind grasartig linealisch, 10-50 cm lang und 2-10 mm breit. Abgestorbene Blätter bleiben lange erhalten, sodass ältere Stöcke aus einer Vielzahl grüner und vergilbter Blätter bestehen.
Die Blütenstängel sind sehr kurz oder fehlen ganz, was sich mit dem Bau der einzelnen Blüte erklären lässt. Die einzeln stehenden Blüten haben nämlich eine bis 25 Zentimeter lange Kronröhre, was einen Blütenstiel vortäuscht. Die drei zurückgebogenen äußeren Kronblätter (Sepalen) sind an der Spitze violett, ansonsten weißlich gefärbt und violett geadert, mit einem gelb-orangen Band in der Mitte. Die drei aufrechten inneren Kronblätter (Petalen) stehen aufrecht und sind violett gefärbt. Im Zentrum der Blüte befinden sich über den Staubblättern drei flächige Griffeläste, 2,5-3 cm lang, am Rand gelbdrüsig. Es werden Kapselfrüchte gebildet.
Die Blütezeit reicht je nach Lage von Dezember bis April. In dieser Zeit aktive Hautflügler wie Bienen und Hummeln sorgen auch für die Bestäubung – mit einer bemerkenswerten Raffinesse des Zusammenspiels von Pflanze und Tier: Während die Kronblätter steil aufgerichtet sind, biegen sich die Kelchblätter so nach außen, dass insbesondere Hummeln eine gute Landebasis zur Verfügung steht. Die auffällige Aderung der Kelchblätter leitet die Insekten in den engen Raum zwischen Kelchblättern und Griffel und macht damit eine Bestäubung nahezu unvermeidlich.
Botaniker unterscheiden übrigens zwei Unterarten der Kretischen Schwertlilie, die beide auf der Peloponnes vertreten sind: Iris unguicularis subsp. carica und Iris unguicularis subsp. angustifolia. Diese beiden Unterarten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer äußeren Merkmale allerdings kaum voneinander.
Eine vielfach anregende Blütenpflanze
Die auffallenden Blüten haben die Iris auch zu einem beliebten Motiv von Künstlern gemacht. Besonders im Jugendstil finden sich häufig Iris-Darstellungen. Ein schönes Beispiel dafür habe ich in Riga entdeckt: ein Fenster mit einer Darstellung von Schwertlilien und Rohrkolben.
Besonders spannend finde ich die Rolle, die die Iris im alten Ägypten hatte. Dort symbolisierte sie den Sieg und sie wurde nach der Göttin des Regenbogens benannt. Deren Bedeutung lässt sich mit der des griechischen Götterboten Hermes vergleichen.
Bemerkenswert auch die Hinweise der österreichischen Schriftstellerin Barbara Frischmuth, auch eine passionierte und kenntnisreiche Gärtnerin. Sie schreibt in ihrem sehr lesenswerten Buch „Der unwiderstehliche Garten“ (Berlin 2015) unter anderem, dass man in der Türkei an Frauengräbern steinerne Iris-Skulpturen finde, und dass eine dunkelviolett blühende Art (Iris nigricans) als Symbol Jordaniens gelte. (vgl. Frischmuth, a.a.O., Seite 91)
Ein letztes noch, und damit auch die Richtigstellung eines häufigen Missverständnisses: Die „Lilie“ in der Heraldik, etwa die Wappenlilie der Bourbonen, „Fleur-de-Lis“, ist keine Lilie, sondern eine stilisierte Schwertlilie, also eine Iris. Auch das Wappen Jeanne d’Arcs zeigt zwei stilisierte Schwertlilien. Was sonst😉…
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.