Stinkstrauch (Anagyris foetida L.)
Unter den zahlreichen und oft nicht leicht zu unterscheidenden Hülsenfrüchtlern gibt es einige, die man – hat man sie erst einmal richtig zur Kenntnis genommen – nicht so leicht wieder vergisst und sie dann auch an Orten entdeckt, an denen man sie früher gänzlich übersehen hat. Eine dieser Pflanzen ist der Stinkstrauch, botanisch Anagyris foetida – wegen seiner weiten Verbreitung im Mittelmeerraum auch als Gewöhnlicher Stinkstrauch bezeichnet.
Ein bescheidener Auftritt
Dieser meist nur etwa 2-3 Meter hohe und reich verzweigte Strauch fällt nicht einmal während seiner Blütezeit im ausgehenden Winter und Frühjahr besonders auf, und wenn er im Sommer seine Blätter abgeworfen hat, wird er ohnehin leicht übersehen. Der Neuaustrieb im Herbst bringt blass-blaugrüne Blätter hervor. Diese Laubblätter sind dreizählig gefiedert, mit fast sitzenden bis kurz gestielten, 3–7 Zentimeter langen, schmal-eiförmigen Blättchen, unterseits seidig behaart. Es sind vor allem diese Blätter, denen das Gehölz seinen wenig schmeichelhaften Namen „Stinkstrauch“ verdankt, aber auch die frischen Triebe und das Holz riechen unangenehm, wenn auch nicht besonders stark; man muss dem Strauch schon recht nahekommen oder sogar Blätter zerreiben, um diesen Geruch deutlich wahrnehmen zu können.
Ab etwa Mitte Dezember zeigen sich die ersten Blüten. Sie hängen in kurzen, traubigen Blütenständen mit bis 12 hängenden Einzelblüten. Im Gegensatz zu allen anderen Teilen der Pflanze sind sie geruchlos. Ihre zweiseitig symmetrische (zygomorphe) Form lässt sofort an andere Vertreter der Hülsenfrüchtler wie Ginster, Geißklee oder Robinie denken. Im Detail erkennen wir eine doppelte, fünfzählige Blütenhülle, bestehend aus 5 Kelchblättern, die zu einem glockenförmigen und seidig behaarten, gräulich-weißen Kelch verwachsen sind, sowie eine Blütenkrone in der typischen Form einer Schmetterlingsblüte. Diese Blütenkrone ist 18-25 Millimeter lang, blass gelb gefärbt, und mit auffallend kurzer und dunkel gefleckter (!) Fahne.
Die Blüten werden von verschiedenen Insekten besucht und bestäubt. Im Sommer entwickeln sich bis 6-20 Zentimeter lange Hülsenfrüchte mit jeweils bis zu 8 bohnenförmigen, violetten oder gelblichen Samen, die für eine Ausbreitung der Pflanze mindestens in der näheren Umgebung sorgen.
Die Form der Früchte sowie der Geruch der Pflanze haben auch zur wissenschaftlichen Benennung der Art geführt:
- Anagyris: ana = zurück; gyro, gyrus = gebogen (Früchte)
- foetida: stinkend
Wie bei so vielen anderen Arten verdanken wir auch diese Benennung Carl von Linné, der 1753 die erste botanische Beschreibung veröffentlichte.
Unauffälligkeit sichert die Ausbreitung
Der Stinkstrauch ist ein typischer Vertreter der mediterranen Vegetation. Wir finden ihn in allen Mittelmeer-Anrainerstaaten und auf vielen Inseln des Mittelmeers sowie in Ländern des Vorderen Orients. Als botanischer Immigrant (Neophyt) ist die Art mittlerweile auch im südlichen Australien fest etabliert.
Dabei ist das Gehölz nicht allzu anspruchsvoll. Es wächst in Agrarland und Brachland, häufig auch an Felshängen, in Macchien und an Straßenrändern, meist in Meeresnähe und auf eher trockenen, kalkhaltigen Böden. Gelegentlich auch aus Anpflanzungen verwildert, wo die Art gemeinsam mit anderen Gehölzen zur Hangbefestigung eingesetzt wurde.
Weltweit werden übrigens nur zwei Arten der Gattung Anagyris unterschieden. Neben Anagyris foetida, dem Gewöhnlichen Stinkstrauch, gibt es noch die Art Anagyris latifolia, die wild wachsend ausschließlich auf den Kanarischen Inseln zu finden ist.
Die Suche nach dem Nutzwert – für uns Menschen
Pharmakologisch ist der Stinkstrauch von eher eingeschränktem Interesse: Er ist in allen Teilen giftig und besitzt ähnliche Inhaltsstoffe wie der verwandte Goldregen (Laburnum anagyroides). Dazu gehören Alkaloide wie Anagyrin, Cytisin, Methylcytisin, Retamin und Spartein. Die Samen enthalten auch Schleimstoffe, fettes Öl und Farbstoffe. Eine medizinische Nutzung der Samen und Blätter – insbesondere als Brech- und Abführmittel – fand zwar bereits in der Antike statt, aber vermutlich in eher geringem Umfang. Heute wird die Wirkung der Inhaltsstoffe wohl nur über pharmazeutische Fertigpräparate erreicht.
Bemerkenswert – wenn auch nicht sehr überzeugend – finde ich den Hinweis, dass das Holz des Stinkstrauchs („Stinkholz“), früher wegen seiner Giftigkeit zur Herstellung von Lanzen und Pfeilspitzen verwendet worden sei. Wenn dem tatsächlich so war, mag die Härte und Zähigkeit des Holzes vielleicht eine größere Rolle als die Konzentration toxischer Substanzen gespielt haben.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.