Südlicher Tüpfelfarn (Polypodium cambricum L. subsp. cambricum)
Auf der Suche nach Engelsüß...
Hier geht es um einen Farn, der von Südwesteuropa bis Vorderasien zwar weit verbreitet ist, aber aufgrund seiner Standortansprüche doch nur stellenweise zu finden ist: Der Südliche Tüpfelfarn (Polypodium cambricum L. subsp. cambricum) ist ein – wie ich finde – sehr attraktiver Farn, der im Herbst neue Wedel bildet, deren frisches Grün in Schluchten und an Felswänden den mediterranen Winter schmückt. Auch kulturgeschichtlich spielt dieser Farn eine interessante Rolle – zumindest war das über viele Jahrhunderte der Fall.
Obwohl der Tüpfelfarn Wärme liebt, meidet er trockene, sonnenausgesetzte Plätze. Außerdem ist er nicht besonders konkurrenzstark und würde an vielen Stellen rasch von anderen Pflanzen überwachsen und verdrängt. Daher gedeiht er vor allem dort, wo er alles findet, was er für ein gutes Leben braucht: Sonnenschutz und Feuchtigkeit und eine sich möglichst bescheiden zurückhaltende Nachbarschaft anderer Gewächse: moosreiche Pflanzengesellschaften schattiger, vor allem nordexponierter Fels- und Mauerspalten, aber auch epiphytisch lebend auf alten Bäumen und Totholz wie Baumstümpfen etc. Dort breitet er sich gerne, wenn auch langsam, mit Hilfe seiner bis zu 50 Zentimeter langen Wurzelstöcke aus.
Diese manchmal dick-knolligen Rhizome enthalten viel Glycyrrhizin (ein Saponin) und Kohlenhydrate und schmecken süß – daher der Name Engelsüß. Eine Bezeichnung, mit der übrigens auch der in Mitteleuropa vorkommende Gewöhnliche Tüpfelfarn (Polypodium vulgare) bezeichnet wird.
Farnbestimmung leicht gemacht
Zuerst zu seinem Erscheinungsbild, das auch manche seiner verschiedenen Benennungen erklärt. Dieser wintergrüne und etwas wärmeliebende Farn besitzt nämlich einen flach kriechenden Wurzelstock (Rhizom) mit 5-15 Millimeter langen Spreuschuppen. Diese Schuppen wurden früher als „Füßchen“ gedeutet, was zum Namen der Gattung Polypodium geführt hat (poly = viel und podion = Füßchen).
Seine bis 50 Zentimeter langen, gefiederten Wedel haben 14 oder mehr Fiederblattpaare. Der Blattrand ist etwas knorpelig und durchscheinend. Im Sommer absterbend kommt es im Herbst zur Neubildung.
Auf der Blattunterseite bilden sich rundliche bis länglich-elliptische Ansammlungen (Sori) von Sporenbehältern (Sporangien) in zwei Reihen. Darin verzweigte, drüsige Fäden, die an Pilzhyphen erinnern. Die Sporen reifen später über einen ziemlich langen Zeitraum, nämlich zwischen Januar und Ende April oder Mai. Als „Körnchenflieger“ gelangen diese Sporen dann in die Umgebung, wodurch der Tüpfelfarn mit etwas Glück neue, passende Wuchsorte findet.
Eine lange Geschichte
Mit den Benennungen dieses Farns ist es so eine Sache: Im Lauf der Jahrhunderte entstanden regional sehr viele verschiedene Namen, wobei mal bestimmte äußere Merkmale im Vordergrund standen, dann wieder Aspekte der Verwendung und des erwarteten (medizinischen) Nutzens bis hin zu Gründen, die wir heute in die Bereiche von Glaubensvorstellungen und Wunschdenken verweisen.
Eine wunderbare Quelle für alle, die sich näher mit Herkunft und Verbreitung deutschsprachiger Pflanzennamen auseinandersetzen wollen, ist das mehrbändige „Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen“ von Heinrich Marzell (Leipzig 1943). Hier finden sich auch für den Tüpfelfarn eine Vielzahl von Namen und Erläuterungen. So liest man dort etwa zur Benennung „Tüpfelfarn“ einen äußerst kritischen und – wie ich finde – treffenden Kommentar: „Der Name Tüpfelfarn ist nicht nur, von den Botanikern ersonnen, nicht volkstümlich, sondern passt auch gleich gut oder schlecht auf sehr viele Farngattungen.“
Nun ja, die mangelnde Volkstümlichkeit stört mich jetzt nicht, aber die Tatsache, dass Sporenbehälter bzw. Sporangien („Tüpfel“) geradezu ein Wesensmerkmal von Farnen ist, macht den Namen „Tüpfelfarn“ vor allem für eine entsprechende Pflanzenbestimmung nicht gerade hilfreich.
Auch der früher in norddeutscher Mundart für den Gewöhnlichen Tüpfelfarn gebräuchliche Namen Slangenkruut ist nicht sehr aussagekräftig. Er entstand wohl als Hinweis auf Wuchsorte des Farns, die auch von Schlangen gerne als Versteck genutzt werden.
Hinter einer anderen Namensgebung steckt der Vergleich der zahlreichen Wurzelfasern des Farns mit den Beinen eines Spinnentiers: Kankerwurzel. Aber auch die Form der Wedel hat zu bestimmten Benennungen geführt, bei denen oft eine gewisse Nebenbedeutung mitschwingt: Waldfeder, Himmelsleiter, Teufelsleiter etc.
Besonders faszinierend finde ich, wie die antike Signaturenlehre diesen Farn behandelt hat. Wie wir bei Marzell lesen können, habe Theophrast (Theophrastos von Eresos, * um 371 v. Chr. zu Eresos auf der Insel Lesbos; † um 287 v. Chr. in Athen) festgestellt, dass die Oberfläche der Tüpfelfarnwurzel Saugnäpfchen habe wie jene auf den Armen eines Polypen. Wenn man also Tüpfelfarnwurzeln bei sich trage, helfe das gegen Polypen. Ob mit Polypen hier Nesseltiere oder Schleimhaut-Ausstülpungen gemeint sind oder gar Beides, wird nicht recht deutlich. Vermutlich ging es doch um die Schleimhäute, denn ein anderer antiker Autor, nämlich Plinius der Ältere (ca. 23-79 n. Chr.) empfiehlt das Polypodium ausdrücklich zum Vertreiben von Nasenpolypen.
Der Name Engelwurz hingegen bezieht sich hingegen auf bestimmte Inhaltsstoffe und den betreffenden Geschmack. Das Rhizom des Tüpfelfarns – der heute am meisten verwendete deutsche Namen für diesen Farn – enthält nämlich neben Schleimstoffen auch Kohlenhydrate, die beim Kauen zunächst süßlich schmecken; später setzt sich ein bitteres Aroma durch. Das führte zu einer großen Anzahl regional verbreiteter Benennungen: insuesse, Süesslere, Süeßle und Bittersüs, Krötensüßholz (als verächtliche Bezeichnung gegenüber dem echten Süßholz Glycyrrhiza), Wild Lakritz, Steinleckerze, Bärenzucker sowie Engelsüß. Letztere Benennung nach Hoffmann von Fallersleben „wohl deswegen, weil dieser Farn als Heilpflanze wegen seiner wohltuenden Wirkung den Menschen gewissermaßen von den Engeln gewiesen wurde“ (zitiert von Marzell).
Darüber hinaus finden sich in Europa noch viele andere Namensgebungen wie Steinwurtzel, Stoanwurzn, Bergwürzeln, Baumfarn, Stömpvaare (wegen der alten Baumstümpfe, auf denen dieser Farn gerne wächst), Luuskruut und Lüüswürzli (wie auch andere Farne wurde auch dieser gegen Läuse eingesetzt), Edles Leberkraut (wegen seiner gelegentlichen Verwendung gegen Gallen- und Leberkrankheiten), Longekrutt („Lungenkraut“ – was nicht mit dem Lungenkraut der Gattung Pulmonaria verwechselt werden sollte).
Einer geradezu gespenstisch anmutenden Glaubenswelt zuzuschreiben ist die Bezeichnung Widdekamm, mit der unter anderem auch der Tüpfelfarn belegt worden war. Früher wurden ja verschiedenen Pflanzen magische Kräfte zugeschrieben wie etwa die, einen durch Zauberei versiegten Milchfluss von Kühen wieder in Gang zu bringen. Marzell sieht darin eine gewisse Entsprechung mit einer böhmischen Sage: „Die wilden Frauen am Plöckensteiner See (Böhmerwald, jetzt Plešné jezero) nähren sich von einer Wurzel (böhmisch sladička, Polypodium vulgare), die am Boden des Sees wächst und Zauberkraft besitzen soll … Um sich der Wechselbälge (untergeschobenen Kinder) zu entledigen, muss man dem Kinde mit der Wurzel Hände und Füße zusammenbinden, mit einer Rute streichen und sagen: „Nimm dir das deine und bring mir das meine.“ (Grohmann, Sagen aus Böhmen, 1863)“.
Zuletzt noch eine persönliche Erinnerung an die Zeit, in der ich ein Praktikum im Botanischen Garten München absolviert habe. Damals wurden noch Rhizome und Wurzeln von Farnen wie dem Tüpfelfarn als Pflanzstoff für Orchideen genutzt. Woher diese Wurzeln stammten, wurde nicht hinterfragt. Heute werden für solche Substrate meines Wissens nach besser andere, unproblematisch verfügbare Materialien verwendet: Kiefern- und Pinienrinde, Nussschalen sowie Kokos- und Holzfasern.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.