Holzbirne (Pyrus pyraster (L.) Burgsd.)
Wer im Frühjahr in bestimmten Teilen Griechenlands wie etwa in Arkadien (Peloponnes) unterwegs ist, kann immer wieder größere, auffallend weiß blühende Bäume entdecken: Holzbirnen (Pyrus pyraster (L.) Burgsd.). Mitunter sind es sehr alte und eindrucksvolle Baumgestalten, denn im Gegensatz zu Kulturformen (Sorten) können Holzbirnbäume über 100, gelegentlich sogar bis etwa 200 Jahre alt werden.
Wanderung durch Europa
Die Heimat der Holzbirne liegt vermutlich in Zentralasien im Gebiet des heutigen Armenien. Im Lauf der Jahrhunderte konnte sich die Art ausbreiten und gelangte schließlich auch nach Mitteleuropa. Funde in schweizerischen Pfahlbauten belegen, dass die Holzbirne von Menschen bereits im späten Neolithikum (4 400 bis 3 500 v. Chr.) genutzt wurde.
Mindestens etwa 1 000 Jahre v. Chr. war die Birne auch den Griechen bekannt und wurde manchmal sogar als Gabe der Götter bezeichnet. Durch Auslese und Züchtung kam es bald zu zahlreichen Kulturformen. So kultivierte man bereits im antiken Rom verschiedene Birnensorten, denn die Birne galt als besonders wertvolle Obstart.
Nach Ende der Römerzeit ging der Anbau zurück, aber ab 600 n. Chr. wurden Birnen von Klöstern und Adeligen wieder in größerer Zahl kultiviert. Da die Art allerdings stark zum Bastardisieren neigt, dürfte es wohl schon längst keine reinrassigen Pyrus pyraster mehr geben.
Die Bezeichnung „Holzbirne“ entstand übrigens nicht aufgrund der etwas holzigen Früchte, sondern wegen des Vorkommens in Busch- und Waldland. So finden wir Holzbirnen auch heute vor allem in Wäldern und an Waldrändern, besonders in Auenwäldern auf sommerwarmen, kalkhaltigen, humus- und nährstoffreichen sowie sandig-lehmigen Böden, die die Feuchtigkeit gut halten.
Das Verbreitungsgebiet der Art reicht heute vom Kaukasus über den Mittelmeerraum bis ins südliche Mitteleuropa. Dabei können Holzbirnen in günstigen Lagen bis in Höhen von rund 1400 Meter gedeihen.
Wichtige Erkennungs- und Unterscheidungsmerkmale
Die Holzbirne ist meist ein schlanker Baum, oft deutlich einseitig wachsend, bis 18 m hoch, manchmal auch strauchig. Ihre Zweige haben Dornen (!), d.h. die spindelförmigen Knospen an den Kurztrieben haben im Gegensatz zu den Kulturformen der Birne scharfe Spitzen. Die Blätter sind rundlich bis eiförmig, weniger als 1,5mal so lang wie breit, ganzrandig oder fein gezähnt, schmaler als 5 Zentimeter.
Die leuchtend weißen Blüten stehen zu 3-9 in Doldentrauben an Kurztrieben. Die einzelne Blüte ist zwittrig, radiärsymmetrisch und fünfzählig, etwa 3 Zentimeter breit, mit auffällig großen und zur Fruchtzeit bleibenden Kelchblättern. Die Ähnlichkeit mit Blüten anderer Rosengewächse – denn zu dieser Familie gehört auch die Birne – ist unübersehbar.
Während der Blütezeit, die im Süden Griechenlands teilweise bereits im Februar beginnt, wird der Baum intensiv von verschiedenen Insekten beflogen. Neben Bienen aller Art gehören dazu auch Fliegen, Schwebfliegen und viele Käferarten. Darauf kommen wir noch zurück.
Die sich im Lauf des Sommers entwickelnden Früchte sind vergleichsweise klein. Sie sind kugelig bis kurz birnenförmig, nur 2-5 Zentimeter breit, stumpfgelb, braun gefleckt und aufgrund vieler Steinzellennestern im Fruchtfleisch ziemlich hart. Ihr Geschmack ist herb und adstringierend, und auch wenn sie unverkennbar Birnenaroma besitzen, sind sie für uns Menschen wenig schmackhaft.
Ein gesuchtes Nutzholz
Die ökonomische Bedeutung der Holzbirne liegt heute vor allem in ihrem Holz. Dieses blass-rötliche bis hell-rötlichbraune Holz ist wegen seiner Härte und des besonders gleichmäßigen Faserverlaufs wertvoll und sehr begehrt. Es wird besonders für Schreiner-, Drechsel- und Schnitzarbeiten verwendet, ist im Handel wegen der Seltenheit der Bäume aber nur schwer erhältlich und entsprechend teuer.
Eine auch ökologisch besonders wertvolle Baumart
Holzbirnen bieten vielen Wildtieren eine wertvolle Nahrungsquelle. So nutzen bestimmte Schmetterlingsarten die Blätter des Baums als Raupenfutter. Zu ihnen gehören vor allem die Birnbaumeule (Atethmia ambusta), der Birken-Zackenrandspanner (Ennomos erosaria) und der Segelfalter (Iphiclides podalirius).
Die Blüten der Holzbirne wie auch die Blüten anderer Birnenarten einschließlich die der Kulturformen locken verschiedene Insekten an, denn dort wird eine besondere chemische Substanz namens Trimethylamin gebildet. Dabei handelt es sich um einen Stoff, der für uns Menschen meist eher unangenehm nach faulendem Fisch, Heringslake oder Ähnlichem riecht, aber für Bienen, Fliegen, Schwebfliegen und Käfer sehr anziehend ist. Damit sorgt die Holzbirne sehr wirkungsvoll für die Bestäubung ihrer Blüten.
Wobei gesagt werden muss, dass längst nicht alle Menschen den Duft von Birnenblüten so unangenehm wahrnehmen: Etwa ein Drittel der Menschen kann genetisch bedingt die Substanz Trimethylamin gar nicht riechen. Aber für uns wird dieser Stoff ja auch nicht produziert…
Was die Bienen angeht, so werden diese Insekten auch noch durch andere, eher süß duftende Stoffe angelockt, die in der Blütennarbe konzentriert sind. Dort finden Bienen zwar nur eine vergleichsweise geringe Menge an Zucker, aber dafür bietet jede Blüte reichlich Pollen, und das entschädigt offenbar für den geringeren Zuckergehalt: Blühende Birnbäume und hier vor allem Holzbirnen werden von Bienen stets in großer Zahl aufgesucht. Imker verstärken diese Bestäubungsleistung noch dadurch, dass sie ihre Bienenvölker möglichst nahe an Birnenanlagen aufstellen.
Ökologisch bedeutsamer sind jedoch Wildbienen. Insbesondere Sandbienen und Mauerbienen sind weitaus bessere Bestäuber, denn sie übertragen pro Blütenbesuch deutlich mehr Pollen als Honigbienen. Zudem besuchen insgesamt 47 verschiedene Wildbienenarten gezielt Birnenblüten, während Honigbienen eine Vielzahl verschiedener Blütenpflanzen nutzen.
Und dann gibt es ja auch noch jede Menge Birnen. Diese Früchte sind eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel und Kleinsäuger wie Siebenschläfer, Marder, Dachs und Igel.
Interessiert an einer eigenen Holzbirnenkultur?
Die Ausbreitung der Holzbirne erfolgt sowohl durch Samen als auch über Wurzelschösslinge; diese sind für eher reinrassige Holzbirnen sogar ziemlich typisch, während sie bei Bastarden meist fehlen. Daher wächst die Holzbirne an günstigen Standorten nicht selten in kleinen Gruppen. Hier lassen sich als vegetative Vermehrungsmethode einzelne, noch kleinere Wurzelschösslinge abtrennen und verpflanzen. Auch ist eine Vermehrung mittels Stecklinge möglich.
Stehen Früchte bzw. Samen zur Verfügung, lässt sich die Art ohne große Schwierigkeiten auch generativ vermehren. Bei der generativen Vermehrung ist zu berücksichtigen, dass die Samen nach ihrer Ernte im Herbst über einen Zeitraum von 3-4 Montane einer Kalt-Nass-Vorbehandlung unterzogen werden sollten, bevor man sie im März oder April aussät. Entwickelt sich daraus dann ein neuer Holzbirnbaum, stellt sich natürlich die Frage, wie lange man diesen in einem Topf kultivieren kann. Besser ist sicherlich, den noch jungen Baum an geeigneter Stelle auszupflanzen – entweder im eigenen Garten oder auf ein anderes Grundstück, auf dem der Baum möglichst alt werden darf (selbstverständlich nach Abstimmung mit dem jeweiligen Besitzer…).
Bilder: Das Bild mit den Früchten habe ich bei Wikimedia gefunden (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Pyrus_pyraster_sl15.jpg), die anderen Bilder stammen aus meinem Archiv.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.