Boryi-Krokus (Crocus boryi Gay)
Während die Kretische Schwertlilie (Iris unguicularis) an vielen Stellen Südgriechenlands vom Spätherbst bis ins nächste Jahr hinein meist ausdauernd blüht, wird die Blüte eines anderen Schwertliliengewächses vor allem bei regnerischem Wetter meist rasch beendet: Der fast schneeweiße, im Spätherbst blühende Boryi-Krokus (Crocus boryi) zeigt seine Blütenpracht nur bei trockenem und noch besser bei sonnigem Wetter, und das sollte dann gleich ein paar Wochen anhalten. Was schon auf eine rasche Vergänglichkeit verweist, die zumindest einem antiken Mythos nach für die Herkunft dieser kleinen Pflanze steht. Davon später mehr.
In Mittel- und Nordeuropa verbinden wir den Krokus mit dem Ende des Winters, freuen uns auf das Frühjahr und längere, wärmere Tage. Im Mittelmeerraum, der Heimat der meisten Krokus-Arten, ist diese Zuordnung weit weniger deutlich. Hier finden wir in dieser Gattung auch etliche Herbstblüher wie zum Beispiel den Boryi-Krokus, eine Art, die ab etwa Ende Oktober oder Anfang November zu blühen beginnt. Zwischen Felsen und den niedrigen, immergrünen Sträuchern der trockenen Phrygana, auf Grasland und felsigen Hängen mit durchlässigen, sich gut erwärmenden Böden entwickeln sich mancherorts große Bestände dieser kleinen, mehrjährigen Blütenpflanze.
Unterschätzte Vielfalt der Gattung Krokus
Den Griechen war die Unterscheidung zwischen verschiedenen Krokus-Arten wohl noch nie besonders wichtig. Die Bezeichnung Κρόκος (Krókos) meint jedenfalls alle Arten dieser Gattung mit rund 240 Arten, deren Verbreitungsgebiete von Europa bis Westchina reichen. Davon finden sich 13 Arten allein auf der Peloponnes.
Mit dem Namen Κρόκος war ursprünglich vor allem der Safran-Krokus (Crocus sativus) gemeint, der bereits in der griechischen Antike eine große wirtschaftliche Bedeutung besaß. Als Arzneipflanze wurde er als beruhigendes und krampflösendes Mittel eingesetzt bis hin zur Verwendung als Abortivum. Außerdem war Safran ein wertvoller und begehrter Farbstoff. Von den Mauren nach Spanien gebracht, spielt die Safrangewinnung heute noch vor allem auf der Iberischen Halbinsel, in Marokko und in der Provence eine gewisse Rolle, wenn auch mittlerweile der Iran mit rund 90 % der gehandelten Erntemengen den Weltmarkt dominiert. Safran wird dabei heute sowohl pharmazeutisch als auch als Gewürz genutzt.
Eine unglückliche Liebe und ihre Folgen
Eine so wertvolle Pflanze musste für die Menschen der Antike natürlich ihre Geschichte haben. Und so erzählt ein klassischer Mythos von einem sterblichen Jüngling namens Κρόκος und seiner vergeblichen, unglücklichen Liebe zur Nymphe Σμίλαξ (Smilax). Die Götter, die das mitansahen, entschieden daraufhin, die beiden Liebenden in Pflanzen zu verwandeln: Der junge Mann wurde zum Krokus – und damit sind nun alle Arten Krokus gemeint –, die Nymphe zur Stechwinde, einer allen Liebhabern von Macchie und Phrygana sicherlich bestens vertrauten Pflanze (Smilax aspera – mit einem Bild im Anhang als besondere Reverenz gegenüber Wolfgang Stein …).
Diese Verwandlung scheint einigermaßen geholfen zu haben: Dort, wo sich ein Krokus wohlfühlt, hat die Stechwinde nicht viel zu sagen, und die Stechwinde ihrerseits hat ohnehin und immer noch kein Interesse für Krokusse aller Art.
Auch in der römischen Antike spielte der Krokus eine gewisse Rolle, und hier steht wieder der Safran-Krokus (Crocus sativus) im Mittelpunkt. Aus ihm wurde eine Salbe und ein Liebesgetränk hergestellt, das zur Stimulierung der Leidenschaft über die Betten frisch vermählter Eheleute verteilt wurde. Aphrodisiaka standen eben schon damals hoch im Kurs.
Krokus oder nicht Krokus…
Hier soll es aber im Besonderen um den Boryi-Krokus (Crocus boryi) gehen, der zwar weit weniger berühmt, aber nicht weniger attraktiv ist. Mit Hilfe weniger Merkmale lässt er sich von anderen Arten der Gattung gut unterscheiden: Die aus sechs gleichgestaltigen Hüllblättern bestehende Blüte ist stets weiß, nur selten fliederfarben oder gelblich, die Staubbeutel hellgelb und die Griffel sind in 3 sehr lange (!), rot-orange-farbene, an den Spitzen aufgeweitete Zweige geteilt.
Wie bei allen Krokussen handelt es sich um eine Knollenpflanze, wobei die Knolle Nebenknollen bildet, die sich nach Absterben der Mutterknolle (nach der Blüte) mittels Zugwurzeln selbst in eine tiefere Lage ziehen.
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die Blüte – von verschiedenen Insekten bestäubt – eine dreifächerige Kapselfrucht mit vielen Samen bildet, und dass diese Samen wie auch die Brutknollen gut zur künstlichen Vermehrung genutzt werden können.
Noch ein kleiner Hinweis, um Verwechslungen zu vermeiden:
Herbstblühende Krokusarten, deren Kapselfrüchte erst im folgenden Frühjahr erscheinen, können mit Herbstzeitlosen und anderen Arten aus der Gattung Colchicum verwechselt werden, die allerdings nicht drei, sondern sechs Staubblätter aufweisen.
Beispielhaft noch drei andere Krokus-Arten, die wir ebenfalls im Herbst und/oder Winter auf der Peloponnes finden können:
Zweiblütiger Krokus (Crocus biflorus subsp. melantherus B. Mathew)
Olivier-Krokus (Crocus olivieri J. Gay subsp. olivieri)
Siebers Crocus (Crocus nivalis Bory & Chaub.)
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.