Stacy's Lane

Kinder schaffen sich Ihre eigenen Orte inmitten der Erwachsenenwelt oder drum herum. Als wir klein waren, bauten mein Bruder und ich unsere Verstecke in Stacy’s Lane, einer Sackgasse, die nach der Familie benannt war, welche ganz am Ende der Straße wohnte. Hinter deren Haus erstreckte sich unwegsames Gelände, durchsetzt von Buchen und Birken, wo Paul und ich uns später ebenfalls Lager bauten. Schaut man sich die Straße heute an, so wirkt sie nicht besonders einladend, sie ist gerade einmal hundert Meter lang und zu beiden Seiten von dünnen, schmutzig aussehenden Bäumen und wucherndem Gestrüpp gesäumt. Diese Seitenstreifen sind nur einen oder zwei Meter breit, oft sogar noch schmaler, und dahinter stößt man auf eine Mischung aus hohen Zäunen und jeder Menge Drahtverhau. Es ist ein düsterer Ort, ganz gleich, wie das Wetter ist, immer kalt und dreckig. Doch als wir klein waren, schufen wir uns dort Orte des Abenteuers und der Flucht. Wir hatten stets vier oder fünf Verstecke, die wir jederzeit aufsuchen konnten. Zu diesem Zweck hatten wir einfach die Zweige abgeknickt und so viel Boden plattgetreten, dass wir dort zusammen Platz hatten. Gleich ein paar dieser Verstecke zu haben war irgendwie wichtig, vermutlich weil es bedeutete, dass es immer etwas zu tun gab und dass wir immer irgendwo anders hin konnten, wenn wir uns stritten. Wir konnten uns trennen oder zusammenkommen und dabei Informationen oder Kekse von zu Hause mitbringen, das gleich um die Ecke an der Hauptstraße lag. (....)

Kindheitsverstecke sind unsere ersten Orte oder sie sind zumindest die ersten Orte, die wir aktiv mithilfe unserer Phantasie formen, um die wir uns kümmern und die wir in- und auswendig kennen. In den unbequemen Nestern, die ich mir zwischen all den Zweigen in Stacey’s Lane gebaut habe, habe ich gelernt, das Orte weitaus interessanter sein können als das Gefüge aus Routinen und Demarkationslinien, in das ich üblicherweise eingebunden war. Ich erinnere mich überdies deutlich, dass diese Orte mir mehr als nur ein Gefühl der Sicherheit oder den Spaß des Versteckens boten. Ich erinnere mich an die Gespräche im Flüsterton zwischen uns, Gespräche, die die Funktion jedes einzelnen Verstecks immer wieder erneuerten: Das ist deine Basis; nein, es ist meine Hauptbasis; nein, das ist der Eingang zu den zwei Verstecken, die als Schlafzimmer dienen. Welche Bedeutung ein Ort jeweils hatte, lag ganz in unserem Ermessen und wurde ständig verändert, um sie unseren sich wandelnden Phantasievorstellungen anzupassen. (....)

Verstecken zu bauen ist für Kinder heute ironischerweise etwas, das sie am Computer machen. Ich weiß genau: Würden meine beiden Kinder die chaotischen Behausungen sehen, die Paul und ich uns bauten, wären sie völlig unbeeindruckt. Es gibt heute unzählige Webseiten, auf denen Sie ganz bequem nicht nur ihre eigenen Zimmer oder Häuser, sollen ganze private Landschaften und Königreiche entwerfen können. Das geschieht häufig zum Wohle eines Avatars, Aber im Kern ist es eine Form des Versteckbaus, das imaginäre Erschaffen eines Ortes, der vor der neugierigen und aufdringlichen Erwachsenenwelt verborgen ist. Diesen virtuellen Verstecken fehlt allerdings etwas: Sie sorgen nicht dafür, dass ihre Nutzer ihr Verhältnis zur realen Orten hinterfragen oder sich der eigenen Macht bewusst werden, diese Orte aktiv zu gestalten. Denn im Grunde handelt es sich um Erwachsenenschöpfungen: wie aus dem Ei gepellte Räume mit ziemlich strengen Regeln und einer begrenzten Anzahl an Optionen. Wenn es stimmt, dass wir unser ganzes Erwachsenenleben lang damit beschäftigt sind, die behaglichen, freien und glücklichen Phantasieorte der Kindheit zu rekonstruieren, dann wird es interessant sein zu sehen, wie eine Generation, die mit den Sims groß wurde, ihre computervermittelten Erinnerungen an das geographische Spielen nostalgisch wieder aufbereiten wird.

Bonnett, Alastair (2016). Die seltsamsten Orte der Welt. Geheime Städte, verlorene Räume, wilde Plätze, vergessene Inseln. München: C. H. Beck (orig. 2014, Off the Map. Lost Spaces, Invisible Cities, Forgotten Islands, Feral Places, and What They Tell Us About the World. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn) (S. 272ff.)

 

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