Im Garten meines Vaters

Im Frühling und Sommer 1954, bevor ich in die Schule gekommen bin, war ich oft in unserem Gemüsegarten. Das heißt, es war eigentlich der Garten meines Vaters, der hat dort am Rand der Siedlung eine Brachfläche in mühsamer Arbeit in einen Gemüsegarten verwandelt. Damit musste damals die Versorgung einer sechsköpfigen Familie mit Gemüse gesichert werden. Ich bin fast immer mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Johanna in den Garten gegangen.

Und wenn wir im Sommer ins Schwimmbad wollten, mussten wir vorher dem Vater die Vesper bringen, denn er ist nach Arbeitsschluss immer gleich zum Garten gefahren. Wenn wir dann bei ihm waren, durften wir nicht gleich wieder gehen. Er hat er uns dann meistens sehr ausführliche Vorträge gehalten, über Frühbeete und die Wichtigkeit von Pferdeäpfeln für das Wachstum von Salatpflanzen, Gurken und Radieschen. Unsere Ungeduld durften wir natürlich nicht zeigen. Irgendwann haben wir entdeckt, dass Erbsen am besten schmecken, wenn sie ganz klein sind. Dasselbe bei den Karotten. Wir haben dann immer heimlich etwas davon in unsere Badetasche gesteckt. Wir wussten, dass das nicht auffallen durfte. Unsere Mutter hat alles Gemüse eingeweckt, und in unserem Keller standen dann reihenweise orange-grüne Einweckgläser. Heute kommt es mir vor, als hätten wir damals überhaupt nie frisches Gemüse auf den Tisch bekommen, sondern immer nur das Gemüse vom Vorjahr. Nur einmal gab es fast erntefrisches Gemüse. Das war in dem Jahr, als die Weckgläser mit den eingelegten Bohnen plötzlich alle aufsprangen. Damals war so etwas eine kleine Katastrophe, und wir mussten dann die Bohnen alle noch im Sommer essen.

Im Herbst, das war, glaube ich, noch ein Jahr davor, wurde bei uns in der Waschküche ein großes „Krautfest“ veranstaltet: Eine Steingut-Tonne, fast so hoch wie ich selbst, wurde abwechselnd mit gehobeltem Kraut und Salz befüllt. Die einzelnen Schichten mussten gestampft werden. Das war dann meine Aufgabe. Ich musste meine Schuhe und Strümpfe ausziehen, mein Rock wurde in die Unterhose gesteckt, und mein Vater hob mich in die Tonne. Ich erinnere mich, dass es anfangs sehr schön kühl war, und dass es auch Spaß gemacht hat, auf dem Kraut zu hüpfen. Nach einer Weile hat es aber angefangen, an den Füßen und Beinen heftig zu jucken. Das war das Salz. Nach dem Stampfen wurde das Kraut mit einem Holzdeckel zugedeckt und mit einem großen Stein beschwert. Von Zeit zu Zeit sind meine Schwester und ich dann in den Keller geschlichen, um zu probieren, ob das Sauerkraut schon schmeckt. Wir haben dann im Winter oft Sauerkraut zum Essen bekommen, aber es ist mir heute noch ein Rätsel, wie schnell diese große Tonne wieder leer war.

Noch eine Tonne gab es im Garten meines Vaters. Sie wäre meiner jüngeren Schwester im darauf folgenden Sommer beinahe zum Verhängnis geworden. Diese Tonne war als Regentonne aufgestellt, und damit sie nicht kippen kann, halb in den Boden eingegraben. An einem Tag, als ich mit Johanna im Garten war, habe ich von meiner Schwester plötzlich nur noch die Beine gesehen. Die haben aus der Tonne rausgeschaut. Die Tonne war zwar nur halb mit Wasser gefüllt, und Johanna hat sich mit den Händen am Boden der Tonne wie bei einem Handstand abgestützt und mit den Beinen gestrampelt. Das hat zuerst irgendwie lustig ausgesehen, bis mir klar wurde, dass ihr Kopf unter Wasser war und sie sich nicht umdrehen konnte. Und ich war zu klein und zu schwach, um ihr zu helfen. Zum Glück war unser Vater, der am anderen Ende des Gartens ins Jäten vertieft war und mein Rufen gehört hat, noch schnell genug an der Tonne, um Johanna rauszuholen. Danach durften wir an diesem Tag nicht mehr ins Schwimmbad gehen.

Erzählte Erinnerungen von Mary B. an ihre Kindheit und einen Nutzgarten in den 1950er-Jahren, 
notiert von H. Österreicher.

In der Wildnis schaukeln

Und was von dem Hofe galt, galt auch, und womöglich noch gesteigert, von dem in einem rechten Winkel angelegten, also einen Knick machenden Garten, der durch eben diesen Knick aus zwei gleich großen Teilen bestand. Die erste Hälfte, mit Reseda und Ritterspornbeeten, mit Rabatten und Rondells und nicht zum letzten mit allerhand am Spalier gezogenen Obstarten besetzt, war ein richtiger Garten, während die zweite Hälfte mehr einer Wildnis glich.

Aber freilich einer sehr malerischen. An ein paar schon vom Winde gebeugten und deshalb schrägstehenden und die verwunderlichsten Linien aufweisenden Zäunen entlang zogen sich hier die Himbeer- und Johannisbeersträucher in geradezu wuchernden Massen, bis ganz zuletzt ein schon auf Nachbars Seite stehender und an Größe fast einem Baume gleichender Berberitzenstrauch seine mit den prächtigsten roten Früchten überdeckten Zweige herüberreichte. Diese zweite Gartenhälfte war unser Reich. Da spielten wir halbe Tage lang und legten Burgen an, oder turnten am Reck, oder brachen Planken aus dem Zaun und zogen auf Raub in die Nachbargärten. Schöner aber als alles das war, für mich wenigstens, eine zwischen zwei Holzpfeilern angebrachte, ziemlich baufällige Schaukel. Der quer überliegende Balken fing schon an morsch zu werden, und die Haken, an denen das Gestell hing, saßen nicht allzu fest mehr. Und doch konnt’ ich gerade von dieser Stelle nicht los und setzte meine Ehre darin, durch abwechselnd tiefes Kniebeugen und elastisches Wiederemporschnellen die Schaukel derartig in Gang zu bringen, daß sie mit ihren senkrechten Seitenbalken zuletzt in eine fast horizontale Lage kam. Dabei quietschten die rostigen Haken, und alles drohte zusammenzubrechen. Aber das gerade war die Lust, denn es erfüllte mich mit dem wonnigen und allein das Leben bedeutenden Gefühle: Dich trägt dein Glück.

Fontane, Theodor (1894). Meine Kinderjahre. 
Berlin: F. Fontane & Co. (S. 60 f.)
In: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/2005/fontane_kinder/

Kinder in der gebauten Umwelt

Ein Mangel an primären Naturerfahrungen in der „sensiblen“ Altersphase, in der Kinder für Natureindrücke besonders empfänglich zu sein scheinen, kann wahrscheinlich durch keine noch so stimulierende Ersatzwelt kompensiert und später wohl auch nicht aufgeholt werden. Entwicklungsstörungen (...) sind also bei Kindern, die keine Gelegenheit hatten, Naturerfahrungen zu sammeln, nicht auszuschließen, ohne daß man heute schon Genaueres über die Art solcher Störungen sagen könnte. Ich vermute, daß sich die Naturentfremdung von Kleinkindern weniger auf deren kognitive als auf die soziale Entwicklung auswirkt. Ein Kind, das nur in der Kunstwelt menschlicher Zivilisation aufgewachsen ist, in der Welt der Technik und Maschinen, die auf Knopfdruck jede beliebige Reaktion hervorbringen können, wird leicht dazu neigen, die gesamte gesellschaftliche Umwelt einschließlich der zwischenmenschlichen Beziehungen für beliebig manipulierbar zu halten. Die natürliche Basis menschlicher Existenz, die trotz aller Vergesellschaftungsprozesse nach wie vor elementare Bindung des Menschen an die Natur und das Bewußtsein von den schwerwiegenden Folgen, die die Mißachtung von Naturgesetzen für die menschliche Gesellschaft haben kann, wird einem Kinde, das sich selbst niemals als Teil der Natur erlebt, nur schwer verständlich zu machen sein.

Zinn, Hermann (1980). Kinder in der gebauten Umwelt. 
In: Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.): Kinderfreundliche Umwelt. Bonn-Bad Godesberg 1980, S. 19-31 (nicht im Buchhandel) (S. 26)
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