In der Wildnis schaukeln

Und was von dem Hofe galt, galt auch, und womöglich noch gesteigert, von dem in einem rechten Winkel angelegten, also einen Knick machenden Garten, der durch eben diesen Knick aus zwei gleich großen Teilen bestand. Die erste Hälfte, mit Reseda und Ritterspornbeeten, mit Rabatten und Rondells und nicht zum letzten mit allerhand am Spalier gezogenen Obstarten besetzt, war ein richtiger Garten, während die zweite Hälfte mehr einer Wildnis glich.

Aber freilich einer sehr malerischen. An ein paar schon vom Winde gebeugten und deshalb schrägstehenden und die verwunderlichsten Linien aufweisenden Zäunen entlang zogen sich hier die Himbeer- und Johannisbeersträucher in geradezu wuchernden Massen, bis ganz zuletzt ein schon auf Nachbars Seite stehender und an Größe fast einem Baume gleichender Berberitzenstrauch seine mit den prächtigsten roten Früchten überdeckten Zweige herüberreichte. Diese zweite Gartenhälfte war unser Reich. Da spielten wir halbe Tage lang und legten Burgen an, oder turnten am Reck, oder brachen Planken aus dem Zaun und zogen auf Raub in die Nachbargärten. Schöner aber als alles das war, für mich wenigstens, eine zwischen zwei Holzpfeilern angebrachte, ziemlich baufällige Schaukel. Der quer überliegende Balken fing schon an morsch zu werden, und die Haken, an denen das Gestell hing, saßen nicht allzu fest mehr. Und doch konnt’ ich gerade von dieser Stelle nicht los und setzte meine Ehre darin, durch abwechselnd tiefes Kniebeugen und elastisches Wiederemporschnellen die Schaukel derartig in Gang zu bringen, daß sie mit ihren senkrechten Seitenbalken zuletzt in eine fast horizontale Lage kam. Dabei quietschten die rostigen Haken, und alles drohte zusammenzubrechen. Aber das gerade war die Lust, denn es erfüllte mich mit dem wonnigen und allein das Leben bedeutenden Gefühle: Dich trägt dein Glück.

Fontane, Theodor (1894). Meine Kinderjahre. 
Berlin: F. Fontane & Co. (S. 60 f.)
In: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/2005/fontane_kinder/

Kinder in der gebauten Umwelt

Ein Mangel an primären Naturerfahrungen in der „sensiblen“ Altersphase, in der Kinder für Natureindrücke besonders empfänglich zu sein scheinen, kann wahrscheinlich durch keine noch so stimulierende Ersatzwelt kompensiert und später wohl auch nicht aufgeholt werden. Entwicklungsstörungen (...) sind also bei Kindern, die keine Gelegenheit hatten, Naturerfahrungen zu sammeln, nicht auszuschließen, ohne daß man heute schon Genaueres über die Art solcher Störungen sagen könnte. Ich vermute, daß sich die Naturentfremdung von Kleinkindern weniger auf deren kognitive als auf die soziale Entwicklung auswirkt. Ein Kind, das nur in der Kunstwelt menschlicher Zivilisation aufgewachsen ist, in der Welt der Technik und Maschinen, die auf Knopfdruck jede beliebige Reaktion hervorbringen können, wird leicht dazu neigen, die gesamte gesellschaftliche Umwelt einschließlich der zwischenmenschlichen Beziehungen für beliebig manipulierbar zu halten. Die natürliche Basis menschlicher Existenz, die trotz aller Vergesellschaftungsprozesse nach wie vor elementare Bindung des Menschen an die Natur und das Bewußtsein von den schwerwiegenden Folgen, die die Mißachtung von Naturgesetzen für die menschliche Gesellschaft haben kann, wird einem Kinde, das sich selbst niemals als Teil der Natur erlebt, nur schwer verständlich zu machen sein.

Zinn, Hermann (1980). Kinder in der gebauten Umwelt. 
In: Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.): Kinderfreundliche Umwelt. Bonn-Bad Godesberg 1980, S. 19-31 (nicht im Buchhandel) (S. 26)

Raumqualitäten beeinflussen das Spiel- und Sozialverhalten

Wissenschaftler haben außerdem herausgefunden, dass Kinder, die in üblichen Spielplatzstrukturen ohne natürliche Elemente spielen, ihre soziale Hierarchie über körperliche Stärke definierten. Nachdem eine offene Wiese mit Büschen bepflanzt worden war, nahm das Spiel in den von den Forschern so genannten „vegetativen Räumen“ eine vollkommen andere Qualität an.

Die Kinder spielten mehr Fantasiespiele, und ihre soziale Stellung hing nicht mehr so sehr von körperlicher Stärke, sondern von sprachlichen Fähigkeiten, Kreativität und Erfindungsreichtum ab.

Mit andren Worten übernahmen in natürlichen Spielräumen die kreativeren Kinder die Führungsrollen.

Louv, Richard (2011). Das letzte Kind im Wald?. Geben wir unseren Kindern die Natur zurück! 
Weinheim, Basel: Beltz. (orig. Last Child in the Woods. Saving our Children from Nature Deficit Disorder, 2005, 2008. Aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl) (S. 116)
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