Für sich sein

Die Fackelkolben waren höher als Kezia; die japanischen Sonnenblumen bildeten einen kleinen Urwald für sich. Sie setzte sich auf eine der kleinen Buchsbaumhecken. Wenn man den Buchs fest hinunterdrückte, saß man sehr bequem. Aber wie staubig war er innen drin! Kezia bückte sich, um hineinzuschauen, und mußte niesen und sich die Nase reiben. Und dann stand sie plötzlich ganz oben auf dem grasbewachsenen Abhang, der sich wellig zum Obstgarten senkte...

Einen Augenblick musterte sie den Abhang, dann legte sie sich auf den Rücken und rollte quietschend bis in die blühende Obstgartenwiese hinunter. Sie blieb liegen und wartete, daß alles aufhörte, sich zu drehen, und dann beschloß sie, ins Haus zu gehen und das Dienstmädchen um eine leere Zündholzschachtel zu bitten. Sie wollte ihre Großmutter überraschen. Zuerst würde sie ein grünes Blatt mit einem großen Veilchen hineinlegen, dann vielleicht zwei sehr kleine weiße Federnelken rechts und links vom Veilchen, und zuletzt würde sie Lavendelblütchen darüberstreuen, aber so, daß die Blumen nicht zugedeckt wurden.
Sie erfand häufig solche Überraschungen für die Großmutter, und immer wurden sie sehr bewundert.

Mansfield, Katherine (1980). Ein Mädchen aus Neuseeland. Erzählungen. 
Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg (orig. Prélude, 1916. Aus dem Englischen von Elisabeth Schnack) (S. 51 f.)

Im Garten meines Vaters

Im Frühling und Sommer 1954, bevor ich in die Schule gekommen bin, war ich oft in unserem Gemüsegarten. Das heißt, es war eigentlich der Garten meines Vaters, der hat dort am Rand der Siedlung eine Brachfläche in mühsamer Arbeit in einen Gemüsegarten verwandelt. Damit musste damals die Versorgung einer sechsköpfigen Familie mit Gemüse gesichert werden. Ich bin fast immer mit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester Johanna in den Garten gegangen.

Und wenn wir im Sommer ins Schwimmbad wollten, mussten wir vorher dem Vater die Vesper bringen, denn er ist nach Arbeitsschluss immer gleich zum Garten gefahren. Wenn wir dann bei ihm waren, durften wir nicht gleich wieder gehen. Er hat er uns dann meistens sehr ausführliche Vorträge gehalten, über Frühbeete und die Wichtigkeit von Pferdeäpfeln für das Wachstum von Salatpflanzen, Gurken und Radieschen. Unsere Ungeduld durften wir natürlich nicht zeigen. Irgendwann haben wir entdeckt, dass Erbsen am besten schmecken, wenn sie ganz klein sind. Dasselbe bei den Karotten. Wir haben dann immer heimlich etwas davon in unsere Badetasche gesteckt. Wir wussten, dass das nicht auffallen durfte. Unsere Mutter hat alles Gemüse eingeweckt, und in unserem Keller standen dann reihenweise orange-grüne Einweckgläser. Heute kommt es mir vor, als hätten wir damals überhaupt nie frisches Gemüse auf den Tisch bekommen, sondern immer nur das Gemüse vom Vorjahr. Nur einmal gab es fast erntefrisches Gemüse. Das war in dem Jahr, als die Weckgläser mit den eingelegten Bohnen plötzlich alle aufsprangen. Damals war so etwas eine kleine Katastrophe, und wir mussten dann die Bohnen alle noch im Sommer essen.

Im Herbst, das war, glaube ich, noch ein Jahr davor, wurde bei uns in der Waschküche ein großes „Krautfest“ veranstaltet: Eine Steingut-Tonne, fast so hoch wie ich selbst, wurde abwechselnd mit gehobeltem Kraut und Salz befüllt. Die einzelnen Schichten mussten gestampft werden. Das war dann meine Aufgabe. Ich musste meine Schuhe und Strümpfe ausziehen, mein Rock wurde in die Unterhose gesteckt, und mein Vater hob mich in die Tonne. Ich erinnere mich, dass es anfangs sehr schön kühl war, und dass es auch Spaß gemacht hat, auf dem Kraut zu hüpfen. Nach einer Weile hat es aber angefangen, an den Füßen und Beinen heftig zu jucken. Das war das Salz. Nach dem Stampfen wurde das Kraut mit einem Holzdeckel zugedeckt und mit einem großen Stein beschwert. Von Zeit zu Zeit sind meine Schwester und ich dann in den Keller geschlichen, um zu probieren, ob das Sauerkraut schon schmeckt. Wir haben dann im Winter oft Sauerkraut zum Essen bekommen, aber es ist mir heute noch ein Rätsel, wie schnell diese große Tonne wieder leer war.

Noch eine Tonne gab es im Garten meines Vaters. Sie wäre meiner jüngeren Schwester im darauf folgenden Sommer beinahe zum Verhängnis geworden. Diese Tonne war als Regentonne aufgestellt, und damit sie nicht kippen kann, halb in den Boden eingegraben. An einem Tag, als ich mit Johanna im Garten war, habe ich von meiner Schwester plötzlich nur noch die Beine gesehen. Die haben aus der Tonne rausgeschaut. Die Tonne war zwar nur halb mit Wasser gefüllt, und Johanna hat sich mit den Händen am Boden der Tonne wie bei einem Handstand abgestützt und mit den Beinen gestrampelt. Das hat zuerst irgendwie lustig ausgesehen, bis mir klar wurde, dass ihr Kopf unter Wasser war und sie sich nicht umdrehen konnte. Und ich war zu klein und zu schwach, um ihr zu helfen. Zum Glück war unser Vater, der am anderen Ende des Gartens ins Jäten vertieft war und mein Rufen gehört hat, noch schnell genug an der Tonne, um Johanna rauszuholen. Danach durften wir an diesem Tag nicht mehr ins Schwimmbad gehen.

Erzählte Erinnerungen von Mary B. an ihre Kindheit und einen Nutzgarten in den 1950er-Jahren, 
notiert von H. Österreicher.

In der Wildnis schaukeln

Und was von dem Hofe galt, galt auch, und womöglich noch gesteigert, von dem in einem rechten Winkel angelegten, also einen Knick machenden Garten, der durch eben diesen Knick aus zwei gleich großen Teilen bestand. Die erste Hälfte, mit Reseda und Ritterspornbeeten, mit Rabatten und Rondells und nicht zum letzten mit allerhand am Spalier gezogenen Obstarten besetzt, war ein richtiger Garten, während die zweite Hälfte mehr einer Wildnis glich.

Aber freilich einer sehr malerischen. An ein paar schon vom Winde gebeugten und deshalb schrägstehenden und die verwunderlichsten Linien aufweisenden Zäunen entlang zogen sich hier die Himbeer- und Johannisbeersträucher in geradezu wuchernden Massen, bis ganz zuletzt ein schon auf Nachbars Seite stehender und an Größe fast einem Baume gleichender Berberitzenstrauch seine mit den prächtigsten roten Früchten überdeckten Zweige herüberreichte. Diese zweite Gartenhälfte war unser Reich. Da spielten wir halbe Tage lang und legten Burgen an, oder turnten am Reck, oder brachen Planken aus dem Zaun und zogen auf Raub in die Nachbargärten. Schöner aber als alles das war, für mich wenigstens, eine zwischen zwei Holzpfeilern angebrachte, ziemlich baufällige Schaukel. Der quer überliegende Balken fing schon an morsch zu werden, und die Haken, an denen das Gestell hing, saßen nicht allzu fest mehr. Und doch konnt’ ich gerade von dieser Stelle nicht los und setzte meine Ehre darin, durch abwechselnd tiefes Kniebeugen und elastisches Wiederemporschnellen die Schaukel derartig in Gang zu bringen, daß sie mit ihren senkrechten Seitenbalken zuletzt in eine fast horizontale Lage kam. Dabei quietschten die rostigen Haken, und alles drohte zusammenzubrechen. Aber das gerade war die Lust, denn es erfüllte mich mit dem wonnigen und allein das Leben bedeutenden Gefühle: Dich trägt dein Glück.

Fontane, Theodor (1894). Meine Kinderjahre. 
Berlin: F. Fontane & Co. (S. 60 f.)
In: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/2005/fontane_kinder/
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