Erinnerungen an einen Nutzgarten

Die Familie in Mühlheim hatte schon immer den sogenannten „Acker“, und den gibt es heute noch. Dieser Acker ist kein zu bestellendes großes Feld, wie Bauern es haben, sondern es ist einfach ein Nutzgarten, ein paar Straßen vom Haus und dem darum befindlichen Blumengarten entfernt (eine Art großer Schrebergarten also, aber es fehlen die obligatorische Hütte und die Gartenstühle darin, denn er ist zum Säen und Ernten, nicht zum Wochenendaufenthalt bestimmt).

Auch die Kinder hatten von klein auf eine Verbindung zu diesem Garten. Zunächst einmal mußten sie essen, was darin geerntet wurde. Und das war, in den Augen der Kinder, schlechter als das, was es zu kaufen gab: Die Kirschen, sahen sie auch noch so schön aus, hatten Würmer, die Äpfel waren teils unförmig und hatten Druck- oder ebenfalls wurmige Stellen, in den Salatköpfen verbargen sich Schnecken ... wie ekelig! Daß das Gemüse und Obst, das es zu kaufen gab, dafür mit Chemikalien behandelt war, interessierte sie nicht, vermutlich wußten sie es nicht einmal, der Begriff des biologischen Landbaus existierte noch nicht. Die Kinderlieblingsäpfel waren Granny Smith in lilafarbenen Styroporschalen, je geschmackloser, desto besser.

Maier, Andreas und Büchner, Christine (2006). Bullau.
Versuch über Natur. Frankfurt/M.: Heinrich & Hahn (S. 79 f.)

Für sich sein

Die Fackelkolben waren höher als Kezia; die japanischen Sonnenblumen bildeten einen kleinen Urwald für sich. Sie setzte sich auf eine der kleinen Buchsbaumhecken. Wenn man den Buchs fest hinunterdrückte, saß man sehr bequem. Aber wie staubig war er innen drin! Kezia bückte sich, um hineinzuschauen, und mußte niesen und sich die Nase reiben. Und dann stand sie plötzlich ganz oben auf dem grasbewachsenen Abhang, der sich wellig zum Obstgarten senkte...

Einen Augenblick musterte sie den Abhang, dann legte sie sich auf den Rücken und rollte quietschend bis in die blühende Obstgartenwiese hinunter. Sie blieb liegen und wartete, daß alles aufhörte, sich zu drehen, und dann beschloß sie, ins Haus zu gehen und das Dienstmädchen um eine leere Zündholzschachtel zu bitten. Sie wollte ihre Großmutter überraschen. Zuerst würde sie ein grünes Blatt mit einem großen Veilchen hineinlegen, dann vielleicht zwei sehr kleine weiße Federnelken rechts und links vom Veilchen, und zuletzt würde sie Lavendelblütchen darüberstreuen, aber so, daß die Blumen nicht zugedeckt wurden.
Sie erfand häufig solche Überraschungen für die Großmutter, und immer wurden sie sehr bewundert.

Mansfield, Katherine (1980). Ein Mädchen aus Neuseeland. Erzählungen. 
Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg (orig. Prélude, 1916. Aus dem Englischen von Elisabeth Schnack) (S. 51 f.)

Der Zauber der Dinge

Großvater Muhamed war der freundlichste Mann. Alle fanden das, allen fiel es auf. Was für ein freundlicher Mann, sagte auch seine Frau, meine Nena Mejrema gelegentlich, als spreche sie über einen hilfsbereiten Unbekannten. Es brach aus ihr einfach so heraus, sie klang ehrlich ungläubig, als könnte sie nicht aufhören, sich über das milde Naturell ihres Mannes zu wundern. Fast täglich kam er vorbei, um zu fragen, ob wir Hilfe bräuchten. Er brachte uns frisch geangelten Fisch, kaufte für uns ein, spitzte meine Stifte. War etwas kaputt, gab er sich Mühe, es zu reparieren, und machte selten etwas noch kaputter.

Ich hatte eine Zeitlang eine Scheu – Ekel vielleicht – vor Regenwürmern. Großvater Muhamed grub drei aus der Erde und zeigte sie mir auf der Hand. Die Regenwürmer krochen über die Lebenslinien. Ich könne, sagte er, wenn ich wolle, meine Hand neben seine legen, und die Regenwürmer würden rüberkommen. Ich tat es. Die Regenwürmer blieben beim Großvater. Sogar die mussten seine Güte gespürt haben (später spießte er sie auf den Haken). Die Scheu vor ihnen überwand ich ein anderes Mal.“ (S. 74-75 – Kapitel: Müssen Flößer schwimmen können?)

Stanišić, Saša (2019). Herkunft 
München: Luchterhand (5. Auflage), S. 74f.
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