Lesezeichen

Eigene Lesefunde und Hinweise von Freunden und Bekannten haben mich darauf gebracht, Ihnen hier eine kleine Textsammlung zu präsentieren. Es handelt sich um kurze Passagen aus dem einen oder anderen Buch oder einem Artikel in einer Zeitung oder Zeitschrift, die alle eines miteinander gemeinsam haben: den Versuch zu beschreiben, wie jemand als Kind Natur und Umwelt wahrgenommen hat, was damals wichtig war, Freude oder Angst machte, und welche Tätigkeiten und Erfahrungen eine besondere, vielleicht prägende Rolle spielten. Nicht zuletzt geht es in manchen Texten auch darum, wie die eigenen Eltern oder andere Erwachsene den damaligen kindlichen Aktivitäten begegnet sind.

Neben Auszügen aus Romanen und Erzählungen, die stärker von erfundenen beziehungsweise nachempfundenen Geschehnissen getragen werden, stehen vor allem autobiografische Texte. Hier erinnern sich die Autorinnen und Autoren an eigene Kindheitserlebnisse. Diese wurden nicht selten erst etliche Jahrzehnte nach dem eigentlichen Geschehen niedergeschrieben. Vielfach geht es dabei zwar um Aufenthalte im Garten, in Wäldern oder an Gewässern, aber manchmal stehen auch andere Aspekte der Umweltwahrnehmung im Vordergrund: Dunkelheit und geschlossene Räume, Stille oder bestimmte Geräuschwahrnehmungen, besondere Gerüche, Speisen und Getränke.

Während insbesondere die Erinnerung an frühe, eigene Erlebnisse naturgemäß sehr subjektiv bleibt und gelegentlich sogar ein wenig nostalgisch verklärt erscheint, versuchen andere Aufzeichnungen, kindlichen Natur- und Umwelterfahrungen analysierend nachzugehen. Beides erscheint mir interessant, ebenso die Tatsache, dass die Beschreibungen stets auch auf eine bestimmte Zeit, Kultur und „Lebensphilosophie“ der Protagonisten verweisen.
Vielleicht macht Ihnen der eine oder andere Text Lust, ihn in ganzer Länge zu lesen. Falls nicht mehr im Buchhandel erhältlich, sollten alle genannten Bücher auch in Bibliotheken und modernen Antiquariaten zu finden sein.

Ameisen im Garten

Wenn ich in den Garten gehe, nehme ich oft eine halbe Handvoll Zucker für die Ameisen mit. Ich streue ihn ins Gras oder neben mich auf die Bank oder auf den Gartentisch, die Ameisen finden ihn schnell und schleppen ihn fort. Ich sehe Ihnen gerne dabei zu, wie sie sich die Zuckerkörner eins nach dem anderen aufladen oder immer zahlreicher heranpirschen, den Zuckerhaufen schwarz überfluten. Manchmal rede ich mit Ihnen, erzähle ihnen von Vater und Mutter, von meinem früheren Leben.

Ich passe auf, dass Großmutter nicht mitbekommt, wenn ich in die Zuckerdose greife, einmal erwischt sie mich aber doch, blickt mich an, fragt nichts, ich kippe mir den Zucker in den Mund, kaue, er knirscht noch zwischen meinen Zähnen, als ich sage, dass ich vom Training immer Hunger auf Süßigkeiten bekomme. Großmutter zieht eine Schublade auf, legt einen kleinen bauchigen Holzlöffel auf den Tisch, den ich das nächste Mal benutzen soll. So, wie sie es sagt, weiß ich, dass sie mir nicht glaubt.

Seitdem steckt der Holzlöffel in der Zuckerdose. Die nächsten drei Tage bringe ich den Ameisen keinen Zucker.

Am vierten Tag schöpfe ich einen halbvollen Holzlöffel Zucker in meine Hand, bringe ihn hinaus und kippe ihn am Fuß des Pflaumenbaumes ins Gras. Sofort sind die Ameisen da und bringen ihn weg. Ich beobachte sie, gehe nach hinten zur Gartenbank und mache mich wieder daran, den Nussbaum in mein Zeichenheft zu zeichnen.

Als ich ins Haus zurückkomme, macht Großmutter im größten Topf Wasser heiß. Sobald sie mich sieht, zieht sie den Topf von der Flamme, legt Küchentücher auf seinen beiden Henkel, sagt, ich solle ihr helfen, wenn wir zu zweit trügen, schwappe nichts über.

Ich kriege den linken Henkel, selbst durch das Küchentuch ist er noch sehr heiß. Wir nehmen den Topf, gehen aber nicht ins Bad, um den Abfluss mit siedendem Wasser zu reinigen, sondern zur Tür, laut zählt sie die Stufen, damit wir im Gleichschritt bleiben und das heiße Wasser nicht auf uns schwappt.

Wir gehen nach hinten zum Holzschuppen. Ich denke, Großmutter will das Wasserrohr reinigen, doch wir bleiben nicht beim Gitterdeckel stehen, gehen weiter, vorbei am Nussbaum und am Gebüsch, fast sind wir schon bei den hinteren Thujen, dort, wo sich das große Ameisennest befindet. Ich mache einen falschen Schritt, vom heißen Wasser schwappt ein wenig aufs Gras, Großmutter nimmt mir den Henkel ab. Ich will sagen, bitte nicht, die Ameisen haben niemandem etwas zuleide getan, doch sie steht bereits vor dem Ameisennest, schwingt den Topf und gießt das heiße Wasser aus.

Knisternd stürzt das Nest ein, schwarzer Dampf steigt auf, zwischen den Erdklumpen sind die Ameisengänge zu sehen, das Wasser wird schwarz, brodelnd und blubbernd verschwindet es in den Tunneln, fließt um das Nest, reißt strampelnde Ameisen mit.

Großmutter tritt auf das Nest, mit ihrem Absatz hackt sie auf die Erde ein, sieh einer an, sagt sie, was für eine riesige Ameisensiedlung, das bisschen heißes Wasser macht Ihnen nichts aus, was ich brauche, ist Ameisenpulver, irgendwo habe ich noch einen halbe Tüte, na, das gebe ich Ihnen gleich mal. Sie dreht sich auf dem Absatz um, hält auf den Holzschuppen zu, ihre Schritte hinterlassen Schlammspuren im Gras.

Ich betrachte die dampfende Erde, die in der schwarzen Schlammbrühe schwimmenden Ameisen, mein Brustkorb schmerzt und pocht, ich weiß, es ist mein rasendes Herz.

Ich drehe mich nach Großmutter um, sehe sie im Holzschuppen verschwinden, ich hocke mich hin, greife in die warme Erde, hole einen großen Schlammklumpen heraus, dann noch einen und noch einen, in den Gängen wimmeln die Ameisen, sie klammern sich aneinander, sie klammern sich an ihre Eier, versuchen im Schlamm zu schwimmen, sie krabbeln auf meine Hand, krallen sich in meine Haut, es ist, als wollten sie mich irgendwohin ziehen, tiefer hinein in die Ruinen ihres Nestes. Ich hole weitere Klumpen heraus, die Erde ist hier nicht mehr so feucht und nicht mehr so warm, die Gänge haben das Wasser wohl irgendwo anders hingeleitet, ich entdecke eine faustgroße Höhle, beinahe trocken, das Wasser ist nur an einer Ecke eingedrungen. Die Höhle ist voller Ameisen und Eier, schwarz ballen sie sich zusammen und wimmeln umher, in ihrer Mitte sehe ich eine, die viel größer ist als die anderen, fast so groß wie die beiden letzten Glieder meines Ringfingers, sie bewegt sich nicht, liegt nur mitten im Gewimmel.

Ich sehe mich um. Großmutter ist immer noch im Holzschuppen, sie hat das Ameisenpulver wohl noch nicht gefunden. Mit ausgestreckten Fingern greife ich behutsam unter die sich aneinanderklammernden Ameisen, hebe vorsichtig den ganzen wimmelnden Haufen aus der Erde. Der Haufen in meiner Hand ähnelt einer riesigen, lebendigen Brombeere. Ich blicke mich nach einem Platz um, wo ich sie verstecken könnte, hinter den Thujen steht der Eimer fürs Schneckensammeln mit Großmutters Schaufel drin, dort lasse ich den Ameisenhaufen vorsichtig hineingleiten.

Ich höre, wie Großmutter die Tür des Holzschuppens zuschlägt. Schnell nehme ich die Schaufel aus dem Eimer, gehe zurück zu der dampfenden Ruine des Ameisennestes, werfe etwas Erde in die kleine Höhle, dann schaufle ich weiter, als suchte ich nach etwas.

Großmutter steht neben mir, in der Hand eine große, oben verkrumpelte Papiertüte. Sie öffnet sie, schüttet weißes Pulver auf die Erde, reißt mir die Schaufel aus der Hand und sagt, ich solle lernen, wie man das Pulver eingräbt. Mehrmals sticht sie mit der Schaufel in die Erde, streut in einer langsamen Spirale das Pulver über die Klumpen und den Schlamm, zerkleinert sie mit der Schaufel, mischt und knetet den Schlamm, der allmählich grau wird.

Als sie fertig ist, gibt es keine einzige Ameise mehr, wo der Ameisenhaufen war, ist nur noch ein großer grauer Fleck geblieben. Mit der flachen Schaufelseite schlägt sie ein paarmal auf den Fleck, glättet und tätschelt ihn, wischt die Schaufel am Gras ab, blickt sich um, sucht den Eimer für die Schnecken. Sie entdeckt ihn zwischen den Thujen, macht einen Schritt, ich spüre, wie sich mir der Magen zusammenkrampft, doch Großmutter geht nicht näher heran, sie wirft nur die Schaufel hinein. Ich höre, wie sie mit einem Knall in den Eimer fällt, sich quietschend dreht, das Geräusch jagt mir einen Schauer über Arme und Schultern. Ich darf nicht an die Ameisen denken.

Großmutter faltet die Tüte mit dem Ameisenpulver zusammen, winkt mir, ich solle den Topf nehmen, und wir gehen ins Haus zurück. Sie sagt nichts, auch ich sage nichts, nur in meinem Kopf kreist es unentwegt, arme Ameisen, arme Ameisen, arme Ameisen.

Dragomán, György (2015). Der Scheiterhaufen. Roman. 
Berlin: Suhrkamp (S. 250f.)
(orig. Máglya, 2014. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer)

Der Brennpunkt der Welt

Es gibt ein Dorf, in dem mein Vater, meine Mutter, meine Großeltern, mein großer Bruder und seine Frau, meine Schwestern leben, ein Ort im Nirgendwo, so wenig unterscheidbar von ande­ren wie ein Grashalm in der Steppe oder ein Sand­korn in der Wüste.

ln meiner Erinnerung ist es ein großes Dorf mit etwa 2 000 Einwohnern; heute ist es mit mittler­weile 5 000 Einwohnern sogar ein ziemlich großes Dorf Das liegt nicht nur am Geburtenzuwachs, sondern auch an der Welle von Zuwanderern. So wie es viele Chinesen gen Peking und Schanghai zieht oder viele Menschen auf der Welt in die USA und nach Europa, so sind alle Bewohner der um­liegenden Weiler und Gebirgstäler begierig auf ein Leben in meinem Heimatdorf.

In diesem Dorf gab es früher einmal einen Marktplatz, zu dem die Menschen aus einem Um­kreis von zehn Kilometern fünf Mal pro Woche zum Kaufen und Verkaufen gepilgert sind. Heute ist aus dem Marktplatz eine blühende Einkaufs­meile geworden, wie die Wangfujing in Peking, die Nanjinglu in Schanghai, Central in Hongkong oder der Broadway von New York, wo Kommerz und Kultur, Politik und Folklore ihren Nährbo­den finden, sich verbreiten und verwirklichen. Im Laufe der explosionsartigen Expansion der chinesi­schen Städte ist auch aus dem kleinen Marktflecken ein ganzer Landkreis geworden und das ehemalige Dorf ist Regierungssitz dieses Kreises, so wie Pe­king für China, Tokio für Japan, London für Eng­land, Paris für Frankreich ... Soweit zu der Blüte, der Ausdehnung und der Gegenwart dieses Dorfes.

Der wörtliche Name für China – Reich der Mitte – rührt vom traditionellen Selbstverständ­nis Chinas als Zentrum der Welt her - und es nennt sich zu Recht Reich der Mitte, denn das ist es, das Zentrum der Welt. So wie die chinesische Provinz Henan traditionell nicht Henan hieß, son­dern Zhongyuan, Zentralebene, weil sie genau das war: das Zentrum Chinas. Und unser Landkreis liegt genau in der Mitte der Provinz Henan, unser Dorf genau in der Mitte des Landkreises. So be­trachtet ist mein Dorf das Zentrum Henans, Chi­nas, der Welt. Mir erscheint diese Erkenntnis wie ein Geschenk des Himmels, als habe Gott mir den Schlüssel zum Paradies überreicht. Denn sie läßt mich glauben, daß ich, auch wenn ich nur dieses Dorf kenne, ganz China kenne und die ganze Welt.

Ich war noch sehr jung, als mir eines Tages be­wußt wurde, daß mein Dorf das Zentrum Chinas ist, und China das Zentrum der Welt. Es hat mich damals in meiner Naivität ganz ehrlich innerlich aufgewühlt, denn ich fühlte es, klar und deutlich, daß ich auf den zentralen Koordinaten der Erde lebte. Es stachelte mich an, nun auch das Zentrum dieses Dorfes zu finden, als wollte ich den absolu­ten Mittelpunkt der Welt finden, und so schritt ich spätnachts unter Mondlicht das Dorf ab, um die Entfernungen in alle Richtungen seiner Grenzen zu vermessen. Meine Familie hatte ursprünglich am westlichen Ende des Dorfes gelebt, doch mit der räumlichen Ausdehnung des Dorfes zogen im­mer mehr Familien an den Stadtrand, wo sie sich Ffäuser mit Gärten errichteten, und die Grenzen verschoben sich nach Westen, so daß die neuen Ideen und neuen Lebensentwürfe das Zentrum des Dorfes just auf unseren Hof verlagerten, vor unsere Eingangstür. Wenn also unser Dorf der zentralste Ort der Welt ist und vor unserer Haustür das Zen­trum dieses Orts liegt, heißt das dann nicht, daß meine Familie den absoluten Mittelpunkt der Welt bildet? Die Koordinaten des Zentrums dieses riesigen Erd­balls auf sich vereint?

Allein der Gedanke, daß ich der einzige in unserer Familie und der ganzen Nachbarschaft war, der nun das Geheimnis kannte, ließ mich ganz unruhig werden, aufgeregt und traurig zugleich. Aufgeregt war ich, weil ich jetzt wußte, wo der Mittel­punkt der Welt lag; beunruhigt, weil ich unbewußt begriff, daß den Menschen, die im Zentrum der Welt leben, unbemerkt eine besondere Verantwortung zufällt, eine besonde­re Biographie, ein besonderes Leid vielleicht, so düster wie glorreich, so wie Lava im Innern eines Vulkans besonders heftig kocht, das Meer an seiner tiefsten Stelle besonders kalt und still ist und meine Familie als Zentrum des Zentrums eine ganz au­ßergewöhnliche Geschichte und Aufgabe überneh­men muß. Aufgeregt war ich auch, weil ich noch zu jung und ignorant war und damals, als Kind, nicht wirklich begriff, gar nicht in der Lage war zu akzeptieren oder zu glauben, daß das Zentrum der Welt dort lag, wo ich es verortet hatte. Niemand würde mir Glauben schenken und ich würde von meiner Umgebung nur Verachtung und Spott ern­ten, wenn ich meine Erkenntnis teilte.

Traurig war ich, weil außer mir nun leider niemand auf der Welt den Mittelpunkt der Welt kannte. Es tat mir leid um unser [Dorf, man stelle sich vor, ein Kaiser käme vom Himmel herab und das Volk würde es gar nicht bemerken. Es tat mir leid um alle Orte und Völker der Erde, um ihr Le­ben, ihre Arbeit, so viele Generationen lang schon wußten sie nicht, wo das Zentrum des Lebens auf der Welt lag. Täglich gingen sie zu ihrer Haustür hinaus, zu ihren Hoftoren ein und aus, und wuß­ten doch nie, ob das große Tor an ihren Häusern und Höfen nach Westen oder nach Osten zeigt.

In jener Nacht muß ich zehn Jahre alt gewe­sen sein, alles schlief und träumte, das Mondlicht floß wie ein Strom, und ich stand unter dem stil­len und verlassenen Eingangstor zu unserem Haus, dem Zentrum der Welt, blickte hinauf zum Ster­nenhimmel, eitv Moment im Universum, wie der kleine Prinz aus dem Buch Der kleine Prinz, der auf seinem Planeten steht und die fernen Galaxien be­trachtet. Unfähig, der Welt meine Entdeckung zu verkünden und mir selbst zu glauben, daß das Dorf meiner Familie der Mittelpunkt und Schmelztiegel der Welt war, einsam; der Schmerz und die Ver­zweiflung darüber, dieses Geheimnis für mich be­halten zu müssen, drohten mich zu ersticken. (....)

Lianke, Yan (2016). Der Brennpunkt der Welt. Mein Dorf in China, ein Fleckchen Erde, ein Heimatort im Nirgendwo. Lettre International Nr. 113, 115-119. Berlin: Lettre International VerlagsGmbH. (orig. 2014. Aus dem Chinesischen von Karin Betz) (S. 115f.)
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