Die Weide

Ein Pionier


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Unter den klimatischen Bedingungen Mitteleuropas werden Kahlstellen in der Landschaft rasch wieder von Pflanzen besiedelt und überwachsen. Man nennt sie Pionierpflanzen. Zu ihnen gehören verschiedene Arten der Weide (Salix), die mit nahezu jedem Boden zurechtkommen, wenn er Feuchtigkeit bieten kann. Kiesbänke an Fluss- und Seeufern, Schutt- und Brachflächen sowie Flächen, die nach einem Erdrutsch vegetationsfrei sind, eignen sich für Weiden meist hervorragend. Mindestens so wichtig wie Wasser ist diesen Pflanzen nämlich ein freier und möglichst sonniger Standort.

Pioniervegetation

Von Weiden geprägte Pioniervegetation

Lange Zeit wurden die Eigenheiten und Eigenschaften der Weide höchstens indirekt genutzt. So wurden Weidenbestände in Überschwemmungsgebieten von den Bauern geschont, weil sie wussten, dass die Gehölze der Kraft des Wassers nicht nur standhalten, sondern die Folgen einer Überflutung mildern können. Erstaunlich, denn die meisten Weiden pflanzen sich durch sehr kleine Samen – nur 1 bis 1,5 Millimeter groß – fort. Weil sie so klein sind, werden die Samen vom Wind weit verbreitet, können aber nur keimen, wenn sie innerhalb der nächsten Stunden auf einen offenen und feuchten Standort gelangen. Dort geht es dann sehr rasch: In ein bis zwei Tagen keimen die Samen, und unter günstigen Bedingungen erreichen die Jungpflanzen bereits im ersten Jahr eine Höhe von bis zu einem Meter.

SilberweideSilberweide
(Salix alba)

Erst in jüngerer Zeit werden Weiden ingenieur- biologisch gezielt eingesetzt, um als Lebend- verbauungen zur Uferbefestigung und in steilen, feuchten Hanglagen als „lebende Mauern“ zum Erosionsschutz beizutragen. So genannte Steckhölzer, frische Ruten, werden im Winter oder zeitigen Frühjahr in den feuchten Boden gesteckt. Zur Befestigung von Hanglagen eignen sich strauchig wachsende Arten wie die Purpurweide (Salix purpurea), während zur Uferverbauung oft höherwüchsige Arten verwendet werden, zum Beispiel die Silberweide (Salix alba) und die Bruch- oder Knackweide (Salix fragilis). Mit ihren tief in den Boden reichenden Wurzeln können Weiden das Erdreich gut halten. Der umfangreicheren Verwendung von Weiden in Lebendverbauungen stehen leider nach wie vor oft wirtschaftliche Überlegungen entgegen, da der Pflegeaufwand der Konstruktionen mitunter nicht unerheblich ist.

Die kulturgeschichtliche Nutzung der Weide ist sehr alt – wir können sie auch in dieser Hinsicht als „Pionierpflanze“ betrachten. Schon in der Jungsteinzeit wurde sie als vielseitig verwendbarer Baum oder Strauch geschätzt. Das hohe Ausschlagvermögen von Wurzelstöcken und Baumstümpfen sowie die Biegsamkeit der Äste und Zweige führten dazu, Weiden für die Errichtung von Zäunen aller Art einzusetzen. Beim Rückschnitt der schnell wachsenden Pflanzen fällt eine große Menge frischer Ruten als Vermehrungsmaterial an, die – regelmäßige Pflege vorausgesetzt – den Fortbestand der Flechtkonstruktion sichern.
Wie zahlreiche Ausgrabungen zeigen, waren jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Siedlungsstätten häufig von solchen Weidenzäunen umgeben, besonders dort, wo die Weide des hohen Grundwasserstandes wegen günstige Wachstumsbedingungen hatte. Rekonstruktionen solcher Siedlungen – zum Beispiel im bayerischen Pestenacker – belegen diese alten Techniken: Wohnhäuser aus Eichenpfählen und Weidenflechtwänden, teilweise mit Lehm verputzt, und verschiedene Einfassungen aus lebenden Weiden.

PfahlbautendorfRekonstruktion eines jungsteinzeitlichen Pfahlbautendorfes

Eine ebenfalls sehr ursprüngliche Verwendung von Weiden hat mit der Biegsamkeit der Zweige zu tun. Als Handwerk mag die Korbflechterei heute im Vergleich zu früher eine untergeordnete Rolle spielen, aber nach wie vor sind ihre Erzeugnisse beliebt und werden gern verwendet. Als Wiege der hiesigen Korbmacherei gilt das oberfränkische Michelau bei Lichtenfels, wo sich heute auch das Deutsche Korbmuseum befindet. Dort sind nicht nur interessante und wertvolle Exponate aus aller Welt zu sehen, sondern es gibt auch Werkstätten, in denen die alten Flechttechniken gepflegt werden. Darüber hinaus bietet die Staatliche Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in Lichtenfels die Möglichkeit, das Handwerk einschließlich moderner Arbeitsformen und Gestaltungsvarianten zu erlernen. An die kulturhistorische Bedeutung der Weide erinnert auch manches Wappen.

Wappen von WedelKopfweide im Wappen von Wedel

Korbflechterei und Naturschutz

Der Bedarf des Flechthandwerks nach jungen Weidenruten hat zu einer ganz besonderen Form des Baumschnitts geführt, den so genannten Kopfweiden. Dabei handelt es sich meist um Silberweiden (Salix alba) oder Korbweiden (Salix viminalis), deren Stämme regelmäßig in etwa 2,00 Metern Höhe abgeschnitten werden. An den Schnittstellen treiben von Jahr zu Jahr mehr frische Triebe aus, und dieser Teil des Stamms verdickt sich allmählich: Es entsteht ein „Kopf“. Will man möglichst dünne, biegsame Ruten zum Flechten ernten, wird jährlich geschnitten. Geht es um Pfähle für Zäune, erfolgt der Schnitt in größeren Abständen.

Durch die Anlage spezieller Strauchweidenkulturen zur Gewinnung von Flechtmaterial geht der Bestand an Kopfweiden mittlerweile zurück. Das verändert nicht nur das Landschaftsbild, sondern hat auch ökologische Auswirkungen: Kopfweiden bilden gewissermaßen das Zentrum ökologisch wertvoller Wiesenbiotope, die zahlreichen Wildtieren Lebensraum und Nahrung bieten. So bevorzugen Höhlenbrüter wie der Steinkauz die hohlen Stämme alter Korbweiden, und kleine Säugetiere wie der Siebenschläfer, die Haselmaus und Fledermäuse finden dort Unterschlupf. Besonders die überall stark bedrohten Baumfledermäuse brauchen die Baumhöhlen der Weiden zur Aufzucht ihrer Jungen.

Die heimischen Weidenarten sind auch für Insekten lebensnotwendig. Hunderte verschiedener Schmetterlinge, Käfer und Hautflügler leben von diesen Gehölzen – von den Blattknospen oder Blütenkätzchen, den Blättern oder den jungen Trieben, vom Stammholz oder morschen Teilen. Manche sehr früh und reich blühende Arten wie die Salweide (Salix caprea) sind vor allem als Bienenweiden wichtig. Aus der Perspektive des Umweltschutzes gehören Weiden deshalb häufig zu den wertvollsten Gehölzen einer Landschaft, obwohl sie heute vielfach durch Maßnahmen der Flurbereinigung, des Straßenbaus und andere Bautätigkeiten bedroht sind.

Viele Verwandte

Die Pflanzengattung Weide (Salix) umfasst weltweit rund 450 verschiedene Arten, die sich manchmal nur schwer voneinander unterscheiden lassen. Heimisch in Mitteleuropa sind immerhin etwa 40 Arten, die allerdings oft miteinander bastardieren, also natürliche Kreuzungen bilden. In der Praxis werden deshalb nur Wuchsgruppen unterschieden. Zu den heimischen Baumweiden zählen beispielsweise Silberweide (Salix alba), Salweide (Salix caprea), Korbweide (Salix viminalis), Bruch- oder Knackweide (Salix fragilis) und Purpurweide (Salix purpurea). Als Strauchweiden bezeichnet man Arten, die ein bis vier Meter hoch werden. Typische Vertreter sind Schwarzwerdende Weide (Salix myrsinifolia), Ohrweide (Salix aurita) und Asch- oder Grauweide (Salix cinerea).

Bruchweide

Bruchweide (Salix fragilis)

Als dritte Gruppe gelten die Zwergstrauchweiden, die wie die Kriechweide (Salix repens) kaum einen halben Meter hoch werden. Die besonders niedrig wachsenden, hochalpinen Arten Krautweide (Salix herbacea), Netzweide (Salix reticulata) und Stumpfblättrige Weide (Salix retusa) werden auch als „Gletscher-Weiden“ bezeichnet. Die Blätter der Weiden sind sehr unterschiedlich geformt: beinahe kreisrund bis schmal-lanzettförmig. Fast alle Arten sind zweihäusig getrenntgeschlechtig (diözisch). Das heißt, dass eine Pflanze entweder nur männliche oder nur weibliche Blüten (Kätzchen) trägt. Bei vielen Weidenarten sind diese Kätzchen unterschiedlich groß: die männlichen dick, rundlich und gelb (wegen der Staubgefäße), die weiblichen walzenförmig und grünlich.

Krautweide

Krautweide (Salix herbacea)

Weiden- und Pflanzenhäuser

WeidenhausWeidenhäuser und Weidentunnel sind in vielen Kindergärten zu finden. Nach wie vor stehen diese Konstruktionen im Ruf, eine besonders einfache und kostengünstige Möglichkeit naturnaher und kindgerechter Gartengestaltung zu bieten. Das stimmt auch weitgehend – wenn man davon absieht, dass bei dieser Verwendung von Weiden nicht selten Fehler gemacht werden, die das ganze Vorhaben zum Scheitern bringen oder zumindest in seiner Wirkung stark beeinträchtigen. Vor allem sind es drei Aspekte, die unbedingt beachtet werden sollten, wenn es um die Planung und den Bau einer Konstruktion aus lebenden Weiden geht: Licht, Feuchtigkeit, Pflege. Am wichtigsten ist zunächst ein offener, möglichst heller Standort. Besonders unter älteren Bäumen wachsen Weiden nur schlecht oder gar nicht. Das hat mit dem zweiten Faktor zu tun, der Feuchtigkeit. Wenn andere Gehölze mit den Weiden in starker Konkurrenz um das verfügbare Wasser stehen, ziehen die Weiden meist den Kürzeren und sterben ab.

Weidenhausbau

Falls dies nicht sinnvoll ist, weil die Weidenkonstruktion durch Bäume und andere Pflanzen zu stark beschattet wird, könnten robuste Kletterpflanzen wie Wilder Wein, Knöterich oder Waldrebe (Clematis) nachgepflanzt werden. Selbstverständlich erfordern solche Pflegemaßnahmen vor allem Zeit. Dennoch sind Weidenhäuser oder – wenn auch andere Pflanzen zum Einsatz kommen – Pflanzenhäuser für den Außenbereich von Kindertagesstätten nach wie vor sehr zu empfehlen. Der Hauptgrund liegt vielleicht darin, dass die Raumgestaltung mit Pflanzen eine lebendige, veränderliche und originelle Formgebung ermöglicht.

Die Tatsache, dass sich ein Pflanzenhaus nicht nur im Laufe der Jahreszeiten verändert, sondern auch in jedem Folgejahr anders aussieht, macht solche „mitwachsenden“ Spielorte für Kinder attraktiv und wertvoll.

Viele Namen, viel Ehre

Wenn eine Pflanze mit vielen verschiedenen Namen belegt wird, weist das immer darauf hin, dass es sich um eine weit verbreitete und vielfältig genutzte Pflanze handelt. Das trifft auch auf die Weide zu, wobei die deutschen Benennungen manchmal alle Vertreter dieser Pflanzengattung (Salix) meinen, manchmal aber auch nur für eine einzelne, besonders auffällige und/oder wichtige Art gelten. Das Wort „Weide“ lässt sich auf ein indogermanisches Wort zurückführen, das biegsam bedeutet. Diese typische Eigenschaft aller Weidenarten spiegelt sich in Namen wie Bandwichel, Bindeweide, Seilweide, Flechtweide, Korbweide, Korbmacherweide, Fischerweide und Ruatenweide wider. Als allgemeine Bezeichnungen gelten Namen wie Wichelbusch, Pfeifenholz (Weidenpfeifchen), Maikätzchen, Palmkatz, Katzenpalm, Palmmutzerl, Lämmerschwänze oder einfach Palmen. Hinter diesen Namen steht folgender Brauch: In der katholischen Kirsche wurden am Sonntag vor Ostern Palmzweige gesegnet (Palmsonntag). Diese Zweige wurden in Europa durch Weidenzweige mit Blütenkätzchen ersetzt.

Zahlreiche andere Namen weisen auf die bevorzugten Standorte bestimmter Weidenarten hin: Wasserweide, Uferweide, Bruchweide, Faulweide, die an morastigen, „fauligen“ Stellen wächst, oder Donauweide. Darüber hinaus erinnern Namen wie Fieberweide und Bitterweide an die arzneiliche Bedeutung der Pflanzengattung. Vor allem in früheren Zeiten waren Weiden in der Volksheilkunde geschätzt, denn die Rinde der Gehölze wirkt durch ihren Gehalt an Salicin entzündungshemmend, Schmerz lindernd, Fieber senkend und antirheumatisch. Die Salicylsäure, die im menschlichen Körper aus Salicin gebildet wird, ist übrigens die Grundlage des Medikaments Aspirin und zahlreicher ähnlicher Präparate.

 

Dieses und viele weitere Portraits von Nutzpflanzen, die gerade auch für Kinder interessant sind, erschienen in den Jahren 2009-2011 in der Zeitschrift „Betrifft KINDER“ (http://www.verlagdasnetz.de).

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Pflanzenportraits – Die Weide. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

 

 

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