Besucher und Mitbewohner

Die Krähe

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Wir sind nicht allein. Mit und neben uns gibt es zahlreiche andere Lebewesen. Manche sind ständig bei uns, manche tauchen nur als Besucher auf. Aber sie sind da – oder könnten schon bald wieder kommen, nach Hause, in die Kita oder in die Grundschule.

kraehe 01Große schwarze Vögel beeindrucken uns. Auf rätselhafte Weise wirken sie überlegen, schlau, geschickt und mächtig. Aber sie stehen auch für ein dunkles Schicksal, für Unglück und Tod. Nicht von ungefähr gehören die verschiedenen Krähenarten – einschließlich des nahe verwandten Kolkraben – zu den faszinierendsten Vogelarten, die bei uns leben.

Gemeinsam stark

Das Auftreten in großen Schwärmen zählt zu den auffälligsten Merkmalen der Krähen, vor allem der Saatkrähe. Diesen Schwärmen schließen sich nicht selten zwei andere Rabenvögel an, nämlich die Dohle und die Aaskrähe, von der es zwei Formen gibt, die früher für verschiedene Arten gehalten wurden: die tiefschwarze Rabenkrähe und die schwarz-graue Nebelkrähe. Große Kolonien dunkler Vögel bestehen also manchmal aus verschiedenen Arten.

Weniger gesellig ist die vierte Rabenvogelart Mitteleuropas. Die Kolkraben leben paarweise. Nur die Jungvögel bilden zur Nahrungssuche kleinere Trupps. Allerdings sind Kolkraben heute nur noch in wenigen Teilen Deutschlands zu finden, weil sie in Miteleuropa von den Menschen verfolgt
wurden. Als die Jagd auf diese majestätischen Tiere endete, erholten sich die Bestände langsam, und manche Paare leben inzwischen sogar in siedlungsnahen Bereichen, zum Beispiel in großen Grünanlagen Berlins.

Geschickt und erfinderisch

In ihrer Ernährung sind die Rabenvögel nicht wählerisch. Sie richten sich nach den Gegebenheiten, ihrem Lebensraum und der Jahreszeit. Getreidesamen, verschiedene Beeren und Obst bilden zwar einen Schwerpunkt, aber kaum weniger wichtig sind Würmer und Schnecken, Insekten und Vogeleier sowie die Jagd auf kleine Säugetiere wie Mäuse und junge Feldhasen. Vor allem im Winter, wenn andere Nahrungsquellen fehlen, spielt Aas eine wichtige Rolle. In Städten und anderen Siedlungsgebieten durchsuchen die Vögel auch gern unseren Abfall. Schnell „spricht sich herum“, wo größere Mengen Müll anfallen oder Abfallbehälter gut zugänglich sind.

Bei der Nahrungssuche auf dem Land gehen insbesondere die Aasund Saatkrähen „feldernd“ vor: Sie trippeln gemeinsam über Wiesen oder Felder und picken Kleinlebewesen oder andere Nahrung auf. Dabei mischt sich Geschick mit Erfindungsreichtum: Die Vögel öffnen hartschalige Nüsse, indem sie sie im Flug auf harten Boden fallen lassen. Lässt ein Angler seine Ruten unbeaufsichtigt, kann es passieren, dass eine Aaskrähe die Angelsehne aus dem Wasser zieht, um sich den Fisch zu schnappen. Auch im Tricksen und Verstecken sind diese Vögel Meister: Um überschüssige Nahrung nicht an Artgenossen zu verlieren, legen die Krähen häufig Verstecke unter Blättern, Totholz oder in Erdlöchern an. Auch Kolkraben nutzen solche Depots, wenn sie größere Beute machen. Sie halten sich nämlich gern in der Nähe von Nutztierherden auf, denn Kadaver verendeter Lämmer oder Kälber bereichern das Nahrungsüberangebot beträchtlich. Noch heute erinnert die makabre Schlusszeile des Kinderlieds „Hoppe, hoppe Reiter“ daran.

Düster und gefährlich?

Kolkraben und Aaskrähen müssen nach wie vor gegen ihren schlechten Ruf ankämpfen. Sie gelten nicht nur als Unglücksboten oder gar als gefährlich, sondern auch als Symbol für den Tod. Im Mittelalter ließ man Gehenkte aus Gründen der Abschreckung oft Tage lang am Galgen baumeln. Das lockte die „Galgenvögel“ an die Richtplätze.

Seit langem verbinden Menschen mit den Rabenvögeln aber auch andere Eigenschaften und Bedeutungen. Wegen der auffallend großen Schwärme wurden die Vögel im Herbst zum Symbol des Winters. Und der Kolkrabe spielte seiner Intelligenz und seiner „Vorliebe“ für Aas wegen schon früh eine Rolle in Mythen, Märchen und Sagen verschiedener Völker. Auch viele neuere Gedichte und Geschichten sind bestimmten Rabenvögeln gewidmet, weil die Tiere über außergewöhnliche Merkund Lernfähigkeiten verfügen. Oft werden sie als Berater oder Helfer des Menschen dargestellt.

Volkstümliche Bezeichnungen wie „rabenschwarz“ beziehen sich nur auf die Gefiederfärbung der Vögel. Abwertende Begriffe wie „Rabeneltern“ und „Rabenmutter“ – seltener „Rabenvater“ – gehen auf folgende Beobachtung zurück: Da sich junge Raben nach Verlassen des Nestes noch unbeholfen bewegen, nahm man an, Raben seien schlechte Eltern und würden ihre Jungen vorzeitig im Stich lassen. Ein Trugschluss, denn gerade Raben und Krähen haben ein ausgeprägtes Sozialund Kommunikationsverhalten. Es wurde höchste Zeit, dass Forscher die vielfältigen Verhaltensweisen und Lautäußerungen der Tiere untersuchten und entschlüsselten. Allzu lange hatte man die Vögel verfolgt und vor allem in der Saatkrähe einen Verursacher landwirtschaftlicher Schäden gesehen. Zwar richtet ein Krähenschwarm, der in ein frisch eingesätes Feld einfällt und die Keimlinge herauspickt, tatsächlich solche Schäden an, aber die Vögel verzehren auch große Mengen verschiedener Schadinsekten. Den damit verbundenen Nutzen schätzen Fachleute
in der Regel als deutlich höher ein.

Verspielt und verblüffend intelligent

Zum Spielvergnügen junger Kolkraben gehört es, gemeinsam von Sanddünen, verschneiten Hängen oder anderen schräg stehenden, glatten Strukturen nach unten zu rutschen oder zu rollen. Sie balancieren mit allerlei Gegenständen im Schnabel und schaukeln gern kopfüber. Saatkrähen, die ohnehin in großen Kolonien leben, pflegen ausgedehnte Begrüßungsrituale und lieben Flugspiele.

Experimente mit verschiedenen Krähenarten zeigten, wie geschickt diese Vögel Werkzeuge gebrauchen. Nicht nur die berühmten und seit Jahren erforschten Neukaledonischen Krähen setzen Werkzeuge raffiniert ein 2, sondern auch unsere Saatkrähen. Noch interessanter ist die Frage, ob diese Vögel nicht nur bestimmte Verhaltensweisen imitieren, sondern auch die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien verstehen und übertragen können. Man konfrontierte sie mit verschiedenen Aufgabenstellungen, und es zeigte sich: Die Krähen finden Lösungen, die Ein anderes Experiment widmete sich der Frage, ob sich das Lernverhalten junger Kinder mit dem junger Krähen vergleichen lässt. Die Forscher gingen von Aesops Fabel „Die Krähe und der Krug“ aus. Sie handelt von einer durstigen Krähe, die vor einem tiefen Tonkrug steht, in dem sich Weil die Krähe Steine in den Tonkrug wirft, gelingt es ihr, den Wasserspiegel so weit anzuheben, dass sie aus dem Krug trinken kann. Bei Tests mit Krähen und Kindern fanden die Forscher heraus, dass Kinder bis zum Alter von sieben Jahren durchschnittlich fünf Versuche benötigten, um zu lernen, dass schwere Kugeln den Wasserstand in einem Gefäß erhöhen. Das Ergebnis der getesteten Krähen war vergleichbar.

Steckbrief Krähenvögel

In Deutschland treten von den weltweit rund 40 Arten dieser Gattung vier Arten auf: Saatkrähe (Corvus frutilegus), Aaskrähe (Corvus corone) mit den Unterarten Rabenkrähe und Nebelkrähe, Dohle (Corvus mondeula) und Kolkrabe (Corvus corax). Sie gehören zur Familie der Rabenvögel und werden zu den Singvögeln gezählt.

Größe je nach Art: Kolkrabe bis etwa 60 Zentimeter (und bis über 1 kg schwer), Aaskrähe 40-45 Zentimeter, Saatkrähe 40 Zentimeter, Dohle etwa 37 Zentimeter.

Aussehen: generell dunkle Färbung, tiefschwarz bei Kolkrabe, Rabenkrähe und Saatkrähe, bei Nebelkrähe und Dohle schwarz und grau. Sinnesorgane: ausgeprägte Intelligenz und Lernfähigkeit, verbunden mit hohem Erinnerungsvermögen; großes Geschick beim Nestbau wie im Umgang mit Gegenständen aller Art.

Lebensdauer: grundsätzlich bis etwa 20 Jahre, doch meist deutlich kürzer; hohe Sterblichkeit der Jungtiere vor allem in den ersten beiden Lebensjahren (Verhungern, Beute von Habicht und anderen Greifvögeln).

Ernährung: Allesfresser, von pflanzlicher Kost wie Samen und Früchte aller Art über wirbellose Tiere wie Würmer, Schnecken, Insekten, Amphibien bis hin zu Vogeleiern und kleinen Säugetieren wie Mäusen sowie Aas und menschliche Abfälle (Speisereste).

Natürliche Feinde: Rabenvögel haben nur wenige Fressfeinde, zu denen Habicht, Wanderfalke und Uhu gehören. Weit bedrohlicher sind Agrargifte, Giftköder und Schwermetalle in der Nahrung.

Fortpflanzung: Die Nester der Krähen und Dohlen befinden sich meist in der Krone hoher Bäume, beim Kolkraben auch in Felswänden oder auf Hochspannungsmasten. Die Nester einer Saatkrähenkolonie liegen häufig nahe beisammen und können eine ganze Baumgruppe besetzen. Die Brutzeit der Rabenvögel beginnt im Süden des Verbreitungsgebiets bereits im Februar, im Norden oft erst im April. Die Jungvögel fliegen rund 50 Tage nach der Eiablage aus.

 

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: die Krähe. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

oder

Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: die Krähe. In: Wamiki, Heft 3/2016. Berlin: Was mit Kindern GmbH

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