Besucher und Mitbewohner

Der Weberknecht

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Wir sind nicht allein. Mit und neben uns gibt es zahlreiche andere Lebewesen. Manche sind ständig bei uns, manche tauchen nur als Besucher auf. Aber sie sind da – oder könnten schon bald wieder kommen, nach Hause, in die Kita oder in die Grundschule.

Von allen Kleintieren gehören achtbeinige Lebewesen zu den unbeliebtesten. Die große und ungeheuer artenreiche Gruppe der Spinnentiere löst bei fast allen Menschen spontane Angst- und Abwehrreaktionen aus, obwohl nur sehr wenige dieser Tiere uns Menschen schaden können. Der Weberknecht gehört jedenfalls nicht dazu und leidet völlig zu Unrecht unter dem schlechten Ruf der Achtbeiner.

Ein Spinnentier, aber keine Spinne

weberknecht 01Weberknechte – auch in Mitteleuropa gibt es viele verschiedene Arten – gehören zwar zur Klasse der Spinnentiere, sind aber keine „richtigen“ Spinnen. Sie haben zwar acht Beine, aber keine Spinndrüsen und einen anderen Körperbau: Wer genau hinschaut, erkennt, dass Vorder- und Hinterkörper miteinander zu einer eiförmigen oder rundlichen Gestalt verwachsen sind, während die „richtigen“ Spinnen einen deutlichen Einschnitt zwischen dem Vorderkörper und einen meist viel größeren Hinterleib haben. Im Gegensatz zu den anderen Spinnentieren haben Weberknechte lediglich zwei Augen und keine Giftdrüsen, sondern Stinkdrüsen. Um Angreifer wie bestimmte Insekten oder Spinnen abzuschrecken, sondern sie damit eine unangenehm riechende Substanz ab. Allerdings ist dieses Sekret so intensiv, dass es selbst auf mehrere Weberknechte, die in einem kleineren Gefäß eingeschlossen werden, betäubend wirkt.
Nach wie vor ist Forschern nicht ganz klar, wie sich die Weberknechte stammesgeschichtlich entwickelt haben und wie es um die Verwandtschaftsverhältnisse zu den anderen Spinnentieren steht. So haben männliche Tiere einen Penis, der während der Begattung dazu dient, die Samenzellen in das Weibchen einzuführen – eine Besonderheit, die bei keinem anderen Spinnentier zu finden ist.

Eine unscheinbare Berufsgruppe

Eine andere Merkwürdigkeit ist die umgangssprachliche Benennung der Weberknechte. Obwohl sie ziemlich unscheinbar und als nachtaktive Tiere selten zu sehen sind, tragen sie verschiedene Namen. Je nach Region heißen sie Schneider, Schuster oder Zimmermann, Kanker oder Opa Langbein. Dass Berufsbezeichnungen aus dem Handwerk darunter sind, hat wohl auch damit zu tun, dass die Weberknechte mit den Spinnen gleichgesetzt werden. Und die von Spinnen gewebten Netze gelten ja seit jeher als Ausdruck höchster Geschicklichkeit und Raffinesse.
Die Liste der Berufsbezeichnungen lässt sich fortsetzen: Im Englischen sind die Tiere als harvestmen (Erntemänner) bekannt, und Opiliones, der wissenschaftliche Namen für die zoologische Ordnung der Weberknechte, lässt sich mit Schafhirten übersetzen. In Südeuropa liefen Schafhirten früher oft auf Stelzen, was vermutlich zum Vergleich mit den extrem langbeinigen Tieren führte.

Jäger und Gejagter

Weberknechte gibt es weltweit. Die meisten Arten leben in vegetationsreichen, tropischen und subtropischen Gebieten, aber es gibt auch Arten, die pflanzenlose, felsige oder städtische Lebensräume wie Mauern und Hauswände brauchen. Einige besonders kälteresistente Arten wie der Gletscher-Weberknecht (Mitopus glacialis) leben sogar im Hochgebirge.
Fast alle Weberknecht-Arten bevorzugen dunkle, geschützte Orte wie Fels- und Mauerspalten, Hohlräume unter Baumrinden und Höhlen. Viele von ihnen können dort auch überwintern. Generell sind sie nicht besonders aktiv und sehr ortstreu. Ihre Nahrung finden sie, indem sie mit ihren Mundwerkzeugen (Cheliceren) die Oberfläche von Pflanzen nach Mikroorganismen und abgestorbenen Pflanzenteilen abgrasen. Daher findet man Weberknechte auch am ehesten in der lockeren Streu eines Laubwaldes, in dicht bewachsenen, naturnahen Gärten oder in älteren Scheunen und Holzhütten.
Man könnte meinen, dass diesen Tieren genügend geeignete Lebensräume zur Verfügung stünden, aber merkwürdigerweise nimmt ihre Zahl in Mitteleuropa seit Jahren ab. Manche Arten sind regional in ihrem Bestand sogar gefährdet. Forscher führen das vor allem auf die Intensivierung von Land- und Forstwirtschaft sowie die rapide Verringerung naturnaher Biotope zurück. Zudem spielen auch Architektur und Bautechnik eine Rolle: Wo statt Holz vor allem Beton, Stahl und Glas als Baumaterial Verwendung finden, gibt es kaum mehr Nischen für Tiere wie den Weberknecht. Seine natürlichen Feinde – Vögel, Eidechsen, Frösche, Kröten, bestimmte Insekten und Webspinnen – sind dafür jedenfalls nicht verantwortlich.

Seltsame Rituale

Gelegentlich entdeckt man eine größere Gruppe von Weberknechten, die sich tagsüber auf engem Raum in einer Ruhegemeinschaft zusammendrängen. Handelt es sich um einen besonders geschützten Platz, können die Tiere auf diese Weise auch überwintern, manchmal in Gesellschaften von mehreren hundert Exemplaren. Es genügt jedoch die geringste Störung, um eine solche Gemeinschaft aufzulösen, denn abgesehen von der Paarungszeit leben Weberknechte als Einzelgänger.
Vor einigen Jahren wurde eine bislang unbekannte Weberknecht-Art zunächst in Holland entdeckt. Inzwischen findet man diese mit bis zu 18 Zentimeter Bein-Spannweite recht große Art auch im Ruhrgebiet, in Koblenz, im Saarland, in Österreich und in der Schweiz. Auch die Individuen dieser Art bilden gelegentlich große Gemeinschaften. Kommt man der Gruppe nahe, schwingen alle Tiere plötzlich auf und nieder. Je stärker sie sich erregen, desto rascher bewegen sie sich, bis die Umrisse der einzelnen Tiere verschwimmen. Ein unheimlicher Anblick, den Zoologen als gemeinsamen Abwehrreflex interpretieren, der Angreifer verwirren soll. (1)

Blickfang Beinlänge

Die im Verhältnis zur Körpergröße enorm langen Beine der meisten Weberknecht-Arten sind das auffälligste Merkmal dieser Tiere. Ihre Beinlänge kann bis zum 25-fachen der Körperlänge betragen.(2) Außerdem sind die Beine ganz besonders beweglich, weil sie aus bis zu hundert Einzelgliedern bestehen. Das ist einmalig unter den Gliederfüßern und ermöglicht dem Weberknecht, seine Beine wie Lassos um Gräser und dünne Zweige zu schlingen – ideal für die kletternde Fortbewegung in dichter Vegetation. Verliert ein Weberknecht ein Bein, was aufgrund der filigranen Struktur nicht selten geschieht, kommt er trotzdem gut zurecht. Manchmal findet man Weberknechte, denen sogar mehrere Beine fehlen...
Das und noch mehr macht Weberknechte zu Lebewesen mit erstaunlichen Merkmalen und Fähigkeiten, die auch Kinder faszinieren. Vielleicht ein Grund mehr, sich mit dieser wenig beachteten Tiergruppe zu befassen.

Der Weberknecht in Stichworten

Weberknechte sind Spinnentiere, bilden aber innerhalb dieser Tierklasse eine eigene Gruppe. Im Gegensatz zu den „richtigen“ Spinnen besitzen Weberknechte weder Spinndrüsen noch Giftdrüsen. Weltweit unterscheidet man je nach Autor 4 000 bis rund 6 600 Arten. In Mitteleuropa gibt es über 100 Arten, von denen rund 35 auch in Deutschland leben.
Größe und Aussehen: Körper je nach Art 2-22 Millimeter lang, dabei sind – im Gegensatz zu den Webespinnen – Vorderkörper und Hinterkörper miteinander verwachsen. 8 Beine, bei den meisten heimischen Arten von auffallender Länge.
Sinnesorgane: Schlecht entwickelter Sehsinn, doch hochempfindliche Sinneshaare (an den Beinen), mit denen die Tiere sich orientieren und die eigenen Körperbewegungen, akustische Reize und Gerüche wahrnehmen.
Lebensdauer: Im Sommer dauert die Entwicklung von der Eiablage bis zum fertigen Weberknecht einige Wochen. Im Herbst abgelegte Eier überwintern und entwickeln sich erst im Frühjahr weiter. Die Lebenserwartung der Weberknechte beträgt mehrere Monate bis wenige Jahre. Sie überwintern im Boden (bis 1 Meter tief) oder im Totholz.
Ernährung: pflanzliche Stoffe, Kleininsekten und Spinnen, aber vor allem tote Kleintiere.
Natürliche Feinde: Spinnen, Laufkäfer, Eidechsen, Vögel.
Fortpflanzung: Männchen besitzen ein Begattungsorgan (Penis), Weibchen eine lange Legeröhre. Die befruchteten Eier werden unter Baumrinden und in modernden Baumstubben, in leeren Schneckenhäusern und an anderen versteckten Stellen abgelegt.

Quellenangabe zum mitgeschickten Foto:
Phalangium_opilio Weberknecht_female.jpg

https://commons.wikimedia.org/wiki/Phalangium_opilio?uselang=de#/media/File:Phalangium_opilio_RF.jpg; 24.04.2017

(1) Vgl. Mrasek, V.: Wippende Weberknechte. Achtbeinige Einwanderer breiten sich in Deutschland aus. In: Deutschlandradio, 16. 5. 2008
(2) Die über 15 Zentimeter langen Beine der südamerikanischen Weberknecht-Art Metamitobates genusulphureus machen sogar das 39-fache der Körperlänge aus.

 

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: der Weberknecht. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

oder

Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: der Weberknecht. In: Wamiki, Heft 4/2017. Berlin: Was mit Kindern GmbH

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