Besucher und Mitbewohner

Der Waschbär

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Wir sind nicht allein. Mit und neben uns gibt es zahlreiche andere Lebewesen. Manche sind ständig bei uns, manche tauche nur als Besucher auf. Aber sie sind da – oder könnten schon bald wieder kommen, nach Hause, in die Kita oder in die Grundschule.

Viele kennen dieses Säugetier vermutlich nur von Bildern oder einem Zoo-Besuch und finden: Je unbekannter, desto sympathischer. Das garantiert bei näherer Bekanntschaft so manche Überraschung …

Nächtliche Ruhestörerer

waschbaer 01Wer im Raum Kassel, in Berlin oder Brandenburg lebt, hat von Waschbären wahrscheinlich nicht nur gehört, sondern sie deutlich zu hören bekommen: Schaben, Kratzen, Rumpeln und Scheppern in Lagerräumen oder auf Dachböden, hinter verblendeten oder isolierten Wänden – und das vor allem nachts, wenn man schlafen möchte.

Für diese Verhaltensweise der Tiere gibt es zwei Gründe: Einerseits finden sie in der Nähe des Menschen genug abwechslungsreiche Nahrung. Andererseits sind sie dämmerungsund nachtaktiv; tagsüber schlafen sie meist. Hinzu kommt, dass sie entgegen früherer Annahmen keine Einzelgänger sind, sondern in kleineren und mittelgroßen Gruppen leben. Besonders miteinander verwandte Weibchen teilen sich oft ein Gebiet und unterstützen einander bei der Aufzucht der Jungen. Ihr Sozialverhalten ist sogar so ausgeprägt, dass sich die Bären gern an gut geschützten Schlafund Sammelplätzen treffen und einander mittels Duftmarken über ergiebige Futterstellen informieren. Und nicht nur Jungtiere spielen gern miteinander – natürlich vorwiegend nachts…

Schlau und Geschickt

Waschbären sind enorm anpassungsfähig und lernen rasch, mit veränderten Lebensumständen umzugehen. Dabei hilft ihnen, dass sie bei der Nahrung nicht wählerisch sind, sondern im gesamten Tierreich das vielleicht beste Beispiel für Allesfresser. Pflanzen machen etwa 40 Prozent ihrer Nahrung aus, Weichtiere wie Würmer und Schnecken etwa 33 Prozent, und die übrigen 27 Prozent entfallen auf kleine Wirbeltiere. Die Jahreszeit beeinflusst den Speisezettel: Während die Bären im Frühjahr Weichtieren, Insekten und anderen Kleintieren nachstellen, ziehen sie im Herbst energiereiche pflanzliche Kost wie Nüsse vor, um sich ausreichend Winterspeck zuzulegen. Daher kann ein Waschbär zu Beginn des Winters mehr als doppelt so viel wiegen wie im zeitigen Frühjahr. In kalten Regionen oder während eines besonders strengen Winters reduzieren die Tiere ihren Energieverbrauch, indem sie in einem geschützten Quartier Winterruhe halten.

Eine der merkwürdigsten Verhaltensweisen der Waschbären besteht in der Gewohnheit, Nahrung vor dem Verzehr in Wasser zu tauchen. Daher auch der Name Waschbär. Eine überzeugende Erklärung fand man dafür bislang nicht. Als plausibel kann die Annahme gelten, dass diese „Waschbewegungen“ etwas mit dem hoch entwickelten Tastsinn der Tiere zu tun haben. Bei ihnen sind beinahe zwei Drittel des für Sinneswahrnehmungen zuständigen Gehirnareals für die Verarbeitung taktiler Reize zuständig, mehr als bei jeder anderen untersuchten Tierart. Da die Hornschicht an den Vorderpfoten beim Kontakt mit Wasser ein wenig aufweicht, nimmt die Sensibilität der Tastempfindung zu und verschafft ihnen noch genauere Informationen über das betreffende Nahrungsmittel.

Nur wenig schwächer ist der Geruchssinn, den die Bären nicht zuletzt zur Kommunikation nutzen. Sie identifizieren Verwandte am Geruch von Urin, Kot und bestimmten Drüsensekreten. Der Sehsinn ist dagegen ziemlich unterentwickelt. Man geht davon aus, dass Waschbären fast oder vollständig farbenblind sind. Bemerkenswert ist jedoch ihr Gehör. Sie scheinen in der Lage zu sein, Regenwürmer zu hören, die sich durch den Boden graben.

Last not least besitzen Waschbären ein gutes Gedächtnis. Versuche zeigten, dass sich die Bären noch nach drei Jahren an die Lösung bestimmter Aufgaben erinnern können, zum Beispiel an das Verschließen und Öffnen von Gefäßen mittels verschiedener Mechanismen.

Das langhaarige Waschbärenfell war damals sehr begehrt und wurde zu Jacken, Mänteln und allerlei Accessoires verarbeitet. Außerdem fand man die Tiere drollig und hübsch. 1934 wurden zwei Pärchen am hessischen Edersee ausgesetzt, um die heimische Tierwelt auf diese Weise zu bereichern. Für an das Verschließen und Öffnen von Gefäßen mittels verschiedener Mechanismen.

Geliebt und gejagt

Die ursprünglichen Lebensräume der Waschbären befinden sich in Nordamerika, von Panama über Mexiko bis in den Süden Kanadas. Dort bevorzugen sie gewässerreiche Mischund Laubwälder, wo sie genügend Nahrung und Rückzugsmöglichkeiten finden. Da sie gut schwimmen können, holen sie sich einen beträchtlichen Teil ihrer Nahrung aus Flüssen und anderen Gewässern. Seit einigen Jahrzehnten gelten die Bären allerdings auch in bestimmten Gebieten anderer Länder als eingebürgert. Dazu zählen vor allem Deutschland, Frankreich, Weißrussland und Japan.

In Deutschland begann alles mit einem Paar, das in den 1920er Jahre zur Pelztierzucht eingeführt wurde. Das langhaarige Waschbärenfell war damals sehr begehrt und wurde zu Jacken, Mänteln und allerlei Accessoires verarbeitet. Außerdem fand man die Tiere drollig und hübsch. 1934 wurden zwei Pärchen am hessischen Edersee ausgesetzt, um die heimische Tierwelt auf diese Weise zu bereichern. Für die Bären sollte sich dieser Ort als Glücksfall erweisen. Rasch vermehrten sie sich so stark, dass sie bereits in den 1950er Jahren als fest etabliert galten und wenig später zum jagdbaren Wild erklärt wurden. Man wollte sie wieder loswerden, denn inzwischen hatte sich ihr Ruf deutlich verschlechtert. Es hieß, sie gefährden die heimische Vogelwelt – was sich als weit übertrieben herausstellte – und verursachen Schäden an Gebäuden. Außerdem war ihr Pelz aus der Mode gekommen…

Die Strategie der Ausrottung war jedoch zum Scheitern verurteilt. Wurde der Bestand wild lebender Bären 1956 noch auf 285 Tiere geschätzt, waren es 1970 bereits 20.000. Der heutige Bestand kann nur sehr grob geschätzt werden, und zwar auf 300.000 bis 500.000 Tiere, obwohl in der Jagdsaison 2010/2011 beinahe 68.000 Bären erlegt wurden.

Ihre Anpassungsfähigkeit in Bezug auf Nahrung und Lebensraum ermöglicht es den Waschbären nicht nur, neue Areale in kürzester Zeit zu erobern, sondern sich auch dynamisch fortzupflanzen: Sterben in einem Gebiet besonders viele Tiere, werden die Weibchen einfach früher geschlechtsreif. Demzufolge benötigen sie mehr Wurfplätze und erobern weitere Häuser, Dachböden und Lagerräume, was zwangsläufig zu mehr Schäden führt.

Es scheint unmöglich zu sein, die Tiere völlig zurückzudrängen, zumal frei gewordene Reviere rasch von Bären aus der Nachbarschaft okkupiert werden. Besser und weitaus kostengünstiger sind vorbeugende Maßnahmen wie das Stutzen von Ästen nahe der Fassade von Häusern, um zu verhindern, dass die kletterfreudigen Waschbären in die Gebäude gelangen. Bedenken sollte man auch, dass die kleinen Bären durch Katzenklappen schlüpfen können… Sind Waschbären erst einmal eingezogen, ist vor ihnen fast nichts mehr sicher. Sie kriegen nahezu alles auf, und als Allesfresser sind sie auch an allem interessiert.

Waschbären sind Wildtiere…

… und sollten es auch bleiben. Obwohl in den betroffenen Städten und Siedlungsgebieten Schäden an Fassadendämmschichten zunehmen, weil die Bären das Material herausreißen, um sich in den Hohlräumen Ruheplätze zu schaffen, gibt es nicht wenige Menschen, die sie regelmäßig füttern. Die Bären nehmen das gern an und wirken mitunter fast zutraulich – eine Verhaltensanpassung, die darauf zurückgeht, dass sie hierzulande seit Generationen in der Nähe des Menschen leben. Selbst wo sie die Häuser verschonen, suchen und finden sie ihre Schlafplätze in siedlungsnahen Gebüschen und Wäldern. Früchte und Insekten in Gärten sowie Speisereste im Müll sind verlässliche und leicht verfügbare Nahrungsquellen für sie. In Kassel, der Waschbär-Hauptstadt Europas, lebt nach statistischen Erhebungen etwa ein Tier pro Garten, und ein Ende der Vermehrung ist nicht abzusehen. Umso erstaunlicher, dass Waschbären in den USA gelegentlich als Haustiere gehalten werden und dass manche Gartenbesitzer in Deutschland jeden Abend mehrere Laibe Brot an „ihre“ Bären verfüttern. Kein Wunder, dass die Tiere zum abendlichen Festessen bald auch die entferntere Verwandtschaft mitbringen.

Inzwischen warnen nicht nur die meisten Behörden und Wildtierexperten davor, Waschbären zu füttern, sondern mancherorts – etwa in Berlin – ist das sogar ausdrücklich verboten. Dennoch wird der Waschbär auch in anderen Teilen Deutschlands bald ein gewohnter nächtlicher Besucher von Gärten und Hinterhöfen sein. Wer Schäden möglichst gering halten will, sollte wenigstens auf zusätzliches Füttern verzichten.

Steckbrief: Der Waschbär

Der Waschbär, Procyon lotor, ist ein Säugetier und gehört zur Familie der Kleinbären.

Größe und Aussehen: Körperlänge 40 bis 70 Zentimeter, dazu ein etwa 20 Zentimeter langer, buschiger Schwanz. Fell grau bis bräunlich, am Kopf weiß mit einer schwarz gefärbten Gesichtsmaske rund um die Augen.Lebensdauer: bis etwa 16 Jahre, doch meist weniger. Sehr hohe Sterblichkeit der Jungtiere im ersten Winter (Verhungern).

Ernährung: Allesfresser – von pflanzlicher Kost über wirbellose Tiere wie Würmer und Schnecken, Käfer und andere Insekten, Frösche, Kröten, Salamander und Fische bis hin zu Vögeln und Mäusen.

Natürliche Feinde: in Nordamerika ursprünglich Rotluchse, Kojoten und andere Raubtiere. Nach deren starkem Rückgang heute fast nur noch der Mensch (Jagd, Straßenverkehr).

Fortpflanzung: Paarung meist im Februar. Nach einer Tragezeit von etwa 65 Tagen bringt das Weibchen (Fähe) im Schnitt drei blinde, flaumbehaarte Junge (Welpen) zur Welt und säugt sie mehrere Monate lang, bis sie sich im Herbst allmählich von der Mutter trennen. Alle weiblichen Tiere sind zur nächsten Paarungszeit bereits geschlechtsreif, die männlichen Waschbären (Rüden) nur teilweise.

 

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: der Waschbär. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

oder

Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: der Waschbär. In: Wamiki, Heft 2/2016. Berlin: Was mit Kindern GmbH

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