Besucher und Mitbewohner

Der Silberfisch

 download demo smallArtikeldownload
PDF-Datei

Dass in dieser Reihe der Silberfisch
– vertraulich: das Silberfischchen – seinen Platz findet, hat auch mit meinem Interesse für dieses merkwürdige Tier zu tun. Kinder finden das kleine Insekt sowieso interessant und denken bei der Namensnennung häufig erst einmal an silberne Fische…

silberfisch 01

Stille nächtliche Besucher

Wer nachts oder am frühen Morgen im Badezimmer Licht macht, kann sie davonhuschen sehen: kleine, schlanke, mattsilbrige Tiere. Sie springen nicht, verursachen kein Geräusch, sondern wuseln an der Wand entlang und verschwinden meist rasch in der nächsten Ritze. Körperform und Fortbewegung lassen tatsächlich an kleine Fische denken.
Es handelt sich fast immer um den Silberfisch (Lepisma saccharina), ein f lügelloses Insekt, dessen Benennung auf die silbrig schimmernden Hautschuppen zurückgeht. Sein Körper ist kaum 1 Zentimeter lang. Hinzu kommen lange, fadenförmige Fühler und 3 Schwanzanhänge am Ende des Hinterleibes, sodass die Gesamtlänge bis etwa 25 Millimeter betragen kann. Die silbrigen Schuppen bekommt das Tier erst nach der dritten Häutung, im Alter von wenigen Monaten. Später verändert sich sein Aussehen nicht mehr wesentlich, aber bei jeder weiterenHäutung wird es ein wenig größer.
 
Obwohl wir Silberfische nicht gerade häufig zu Gesicht bekommen, sind viele Menschen beunruhigt, wenn sie in der Wohnung auftauchen. Dabei sind diese Insekten harmlos. Zwar kann gehäuftes Auftreten auf ein Feuchtigkeitsproblem und Schimmelbefall deuten, doch das sollten wir vor allem als Warnsignal verstehen. Da die Tiere sich unter anderem von Pilzbelägen ernähren, könnte man sie sogar als Nützlinge ansehen. Außerdem machen sie Jagd auf Hausstaubmilben, die bei vielen Menschen Allergien auslösen. Als Krankheitsüberträger müssen wir Silberfische ebenfalls nicht fürchten. Die Bekämpfung aus hygienischer Sicht ist also nicht erforderlich. Wer sie dennoch loswerden will, kann sie einzeln fangen und aus der Wohnung bringen. Da die Tiere sich nur langsam vermehren, hat man bald alle erwischt.

Genügsam und zerbrechlich

Silberfische ernähren sich von winzigen Nahrungsresten. Kleinste organische Substanzen, die sie im Dunkeln fast überall finden, genügen ihnen. Ihre Vorliebe für zuckerund stärkehaltige Stoffe brachte ihnen auch den Namen Zuckergast ein. Sie sind aber nicht allzu wählerisch und haben einen abwechslungsreichen Speisezettel: Haare, Hautschuppen, Klebstoffreste, Schimmelpilze, Milben, tote Kleinstlebewesen und Reste der eigenen abgestreiften Haut (Exuvie). Da sie auch Cellulose verdauen können, nagen sie gern mal an Papier, Kunstfasergewebe und Bucheinbänden. Allerdings leiden Bücher, Tapeten oder Briefmarken unter feuchten Bedingungen wesentlich stärker als unter dem Schabefraß von Silberfischen, die ohnehin nicht ständig Nahrung brauchen. Im Gegenteil: Sie können problemlos mehrere Monaten hungern.
Entscheidend für das Wohlbefinden der kleinen Insekten sind Temperatur und Luftfeuchte. Sie gedeihen nur im feuchtwarmen Lebensraum. Daher treffen wir sie am häufigsten in Küchen, Bädern und Waschküchen, bei Temperaturen zwischen 20-30 °C und hoher Luftfeuchte. Gibt es im Boden oder im unteren Teil der Wände viele Ritzen und Spalten, in denen sie sich tagsüber und bei Störungen verstecken können, haben es die Tiere gut. Aber sie mögen es gar nicht, wenn es trocken und kalt wird. Schon mehrmaliges Lüften eines Raums kann sie vertreiben. Sie fliehen erst recht, wenn ein Raum im Winter eine Zeitlang nicht oder nur schwach geheizt wird. Eine verwandte Art, dasbraune Ofenfischchen (Thermobia domestica), braucht sogar Temperaturen von über 30 °C und ist daher nur in Bäckereien oder an ähnlich warmen Orten zu finden.

Zeitgenossen der Saurier

Der vergleichsweise einfache Körperbau, die hohe Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Nahrungsquellen und andere Merkmale lassen darauf schließen, dass Silberfische zu den entwicklungsgeschichtlich ältesten Insekten gehören. Fossilfunde, die dieser Tiergruppe eindeutig zugeordnet werden können – Einschlüsse in Bernstein – sind zwar „nur“ etwa 120 Millionen Jahre alt, aber wahrscheinlich haben sich diese „Ur-Insekten“ bereits am Ende des Erdaltertums entwickelt und vielleicht sogar das größte Massensterben in der Erdgeschichte überlebt. Damals, gegen Ende des Perm und kurz vor Beginn der Trias, kam es zu einem rapiden Klimawandel und zum Aussterben von etwa 96 Prozent aller Meeresbewohner und 75 Prozent aller Landlebewesen.
Obwohl die Silberfische wenig entwickelt wirken, besitzen sie Fähigkeiten, die uns staunen lassen. Dazu gehört vor allem die Art und Weise, wie sie sich offenbar seit Millionen von Jahren paaren und fortpf lanzen. Die Partner bevorzugen Dunkelheit, Wärme und müssen sicherlich in der richtigen Verfassung sein – was auch immer das heißen mag. Ist der Zeitpunkt günstig, beginnt das Männchen einen Paarungstanz in der Nähe des Weibchens, das dann auch erregt umherläuft, bis es vom Männchen in eine Ecke gedrängt wird. Dort hat das Männchen zuvor ein Fadennetz gesponnen und ein Samenpaket darauf abgelegt. Gelangt das Weibchen – vom Männchen geführt – unter das Fadennetz, kann es das Samenpaket aufnehmen. Anschließend legt es die befruchteten Eier in Bodenritzen ab. Die Jungtiere (Larven) schlüpfen zwar bereits nach wenigen Tagen, aber bis zum Erwachsenwerden kann es viele Monate bis Jahre dauern, denn die Tiere wachsen sehr langsam. Dabei häuten sie sich etwa achtmal. Doch da sie keine vollständige Metamorphose wie Schmetterlinge, Käfer und andere Insekten vollziehen, kann man die Larven kaum von den fertig entwickelten Tieren unterscheiden. Tauchen Tiere verschiedenen Alters nebeneinander auf, kann man ihr Alter beziehungsweise ihren Entwicklungsstand am besten an der unterschiedlichen Körpergröße erkennen.
Silberfische führen ein Leben ohne große Brüche und Veränderungen. Vielleicht bevölkern sie unseren Planeten auch deshalb schon so lange.
 
Das Perm ist der letzte große Absc hnitt des Erdaltertums:vor rund 300–250 Millionen Jahren.
Die Trias ist der erste große Abschnitt des darauf folgendenErdmittelalters: vor rund 250–200 Millionen Jahren.

Steckbrief Silberfische
Die Silberfische gehören zur relativ kleinen Insektenordnung der Urinsekten.
Größe und Aussehen: lang gestreckt und flügellos, mit Schwanzanhängen bis 26 Millimeter lang.
Sinnesorgane: kleine, lichtempfindliche Augen; ausgeprägter, sehr berührungsempfindlicher Tastsinn.
Lebensdauer: 2-8 Jahre.
Ernährung: verschiedenste organische Stoffe und winzige Nahrungsreste aller Art bis hin zu Hautschuppen, Pilzbelägen und Papier; vorzugsweise Zucker und andere Kohlenhydrate. Natürliche Feinde: insbesondere Spinnen, Ohrwürmer und Laufkäfer. Fortpflanzung: Begattung mit indirekter Spermaübertragung. Ein Weibchen legt in seiner Lebenszeit insgesamt nur wenige Dutzend Eier.


Foto: Thinkstock

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: der Silberfisch. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

oder

Österreicher, Herbert: Besucher und Mitbewohner: der Silberfisch. In: Wamiki, Heft 1/2017. Berlin: Was mit Kindern GmbH

UA-24100054-1