Auf der Suche nach Stinzenpflanzen

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Reste alter und verlassener Siedlungen, Ruinen und verwilderte Gärten haben einen ganz besonderen Reiz. Dazu gehören nicht nur Burgruinen, sondern auch eine Vielzahl anderer Gebäude- und Mauerreste. In manchen Fällen steht vielleicht noch ein einigermaßen intaktes Haus, in anderen Fällen sind nur noch Grundmauern, Teile einer Grenzbefestigung oder Reste von Wegen und Terrassen übrig geblieben.

FruehjahrsblueherFrühjahrsblüher

Solche alten Plätze können in vielerlei Hinsicht interessant sein. Hier wollen wir uns einem Aspekt zuwenden, der zwar nicht allzu spektakulär erscheint, aber manchmal zu einem erheblichen Teil die besondere Atmosphäre dieser Orte bestimmt: die Reste früherer Anpflanzungen - verwilderte Beetblumen, Bodendecker und Zierhölze aller Art. Nach dem friesischen Wort "stins" für Steinhaus, Landhaus beziehungsweise Burg bezeichnet man solche verwilderten Kulturpflanzen als Stinzenpflanzen (manchmal auch Stinsenpflanzen). Gemeinsam ist ihnen, dass sie ursprünglich zwar als Zier- oder Gartenpflanzen an den jeweiligen Platz gekommen sind, sich später aber ohne menschliches Zutun ausgebreitet und vermehrt haben. Es sind streng genommen also keine Wildpflanzen, sondern Kulturpflanzen, die nun ihr Eigenleben führen.

SchneegloeckchenSchneeglöckchen
(Galanthus nivalis)

Kinder lieben solche Orte sehr und finden es ungeheuer aufregend, nach Überbleibseln und Spuren früheren Lebens zu suchen. Allerdings sind die betreffenden Orte nicht immer allgemein zugänglich und manchmal auch abgelegen und schwer erreichbar. Hinzu kommt, dass auch dort, wo niemand den Zutritt verwehrt, vor dem Betreten überlegt werden sollte, ob dies gefahrlos möglich ist. Immerhin sind Ruinen nicht selten einsturzgefährdet und manchmal stößt man auch auf Gruben und Hohlräume, die im Lauf der Zeit so stark von Schlingpflanzen überwuchert wurden, dass bei Unachtsamkeit die Gefahr eines Einbrechens besteht.

Gemeiner GelbsternGemeiner Gelbstern
(Gagea lutea)

Manchmal handelt es sich lediglich um einzelne Pflanzen, die nur demjenigen auffallen, der weiß, dass diese oder jene Art normalerweise nur in einem gepflegten Garten zu finden ist - und nicht auf irgendeiner Wiese oder an einer verwilderten Gruppe von Feldgehölzen. In anderen Fällen bemerken wir an einem Straßenrand einen ganzen Blütenteppich aus Krokussen, Schneeglöckchen oder Wildtulpen, der sich von Jahr zu Jahr mehr ausbreitet, ohne dass auf den ersten Blick ersichtlich wäre, wer diese Frühjahrsblüher dort angesiedelt hat.

 

Stinkende NieswurzStinkende Nieswurz
(Helleborus foetidus)

Die Stinzenpflanzen können als eigene und sehr bemerkenswerte Gruppe von Pflanzen angesehen werden. Sie stehen irgendwo z wischen den anerkannten Gartenpflanzen und den in einem bestimmten Gebiet heimischen Wildpflanzen. Dabei sind sie weniger "Gartenflüchtlinge" als vielmehr Reliktpflanzen einer früheren Gartenanlage. Durch ihre Fähigkeit, sich an die örtlichen Gegebenheiten auch ohne menschliche Unterstützung anzupassen, werden sie langsam zu einem Bestandteil der natürlichen Vegetation. Gleichzeitig verraten sie uns etwas über die frühere Gartenkultur an diesem Ort, weil sie meist über lange Zeiträume nahezu ausschließlich auf den Bereich ihrer Erstanpflanzung beschränkt

KrokusKrokus
(Crocus vernus)

bleiben. Das kann sogar so weit gehen, dass von den ehemaligen Gebäuden - seien es Wohnhäuser, Villen oder Burgen gewesen - keinerlei Bausubstanz mehr erhalten ist. Dennoch zeigen die verwilderten Zierpflanzen auf einem Rasen oder in einem Gebüsch immer noch, wo früher einmal eine Gartenanlage gewesen sein muss.

Besonders häufig finden sich Stinzenpflanzen auch in alten Parkanlagen und auf Friedhöfen. Dort hatte man teilweise schon vor Jahrhunderten verschiedene Blütenpflanzen und Bodendecker eingebracht. Anfangs wurden diese Pflanzungen  natürlich intensiv gepflegt, aber als diese Pflege im Lauf der Zeit nach und nach verringert oder ganz eingestellt wurde, zeigte sich, dass eine Reihe von Zierpflanzen auch ohne Jäten, Gießen, Düngen und Umpflanzen gut zurecht kam - manchmal sogar besser ... Jedenfalls gibt es nicht wenige alte Parks und andere Grünanlagen, in denen es an bestimmten Ecken auffallende Blütenteppiche gibt.

Winterling

Winterling (Eranthishyemalis)

In vielen Fällen handelt es sich bei den Stinzenpflanzen um Frühjahrsblüher, die sich mit Hilfe ihrer Brutz wiebeln und Knollen sowohl vor Kälte und Trockenheit gut schützen als auch immer wieder ausreichend Nachkommen hervorbringen können

Herbstzeitlose 2

Herbstzeitlose (Colchicum autumnale)

Kleines Immergruen

Kleines Immergrün
(Vinca minor)

Buschwindroeschen

Buschwindröschen
(Anemone nemorosa)

Wer sich ein wenig für die Geschichte (und die Geheimnisse ...) alter Siedlungsplätze interessiert, sollte auch mal nach Stinzenpflanzen Ausschau halten. Vielleicht lassen sich damit zusätzliche und bemerkenswerte Hinweise auf die früheren Verhältnisse an diesem Ort entdecken. Umgekehrt kann es aber auch sein, dass Sie irgendwo zufällig auf eine Ansammlung solcher verwilderten Zierpflanzen stoßen und den betreffenden Platz dann plötzlich mit ganz anderen Augen sehen.

Echte ChristroseEchte Christrose
(Helleborus niger)

Und falls Sie mit Kindern einen solchen Platz erkunden, kann die Suche nach Stinzenpflanzen eine ungewöhnliche, aber faszinierende und wertvolle Orientierungshilfe sein.

 

 

 

AronstabAronstab
(Arum italicum)

Einige häufige und teilweise bekanntere Stinzenpflanzen:

Buschwindröschen (Anemone nemorosa) Gefleckter Aronstab (Arum maculatum)
Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) Maiglöckchen (Convallaria majalis)
Lerchensporne, z. B. Hohler Lerchensporn (Corydalis cava) und Finger-Lerchensporn (Corydalis solida)
Krokus, z. B. Elfen-Krokus (Crocus tommasinianus)
Frühlings-Krokus (Crocus vernus)
Gämswurz (Doronicum orientale)
Winterling (Eranthis hyemalis)
Schachbrettblume (Fritillaria meleagris)
Gemeiner Gelbstern (Gagea lutea)
Kleines Schneeglöckchen (Galanthus nivalis)
Christrose/Nieswurz, z.B. Stinkende Nieswurz (Helleborus foetidus)
Echte Christrose (Helleborus niger)
Bunte Frühlingsschneerose (Helleborus orientalis)
Sommer-Knotenblume (Leucojum aestivum)
Märzenbecher/Frühlings-Knotenblume (Leucojum vernum)
Kleine Traubenhyazinthe (Muscari botryoides)
Narzissen, insbesondere alte Sorten (Narcissus ssp.)
Milchsterne, z. B. Nickender Milchstern (Ornithogalum nutans)
Blausterne, z. B. Amethyst-Blaustern (Scilla litardierei)
Zweiblättriger Blaustern (Scilla bifolia)
Aronstab (Arum italicum)
Sibirischer Blaustern (Scilla siberica)
Wild-Tulpe (Tulipa sylvestris)
Kleines Immergrün (Vinca minor)
Gemeines Hasenglöckchen (Hyacinthoides nonscripta)

 

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Auf der Suche nach Stinzenpflanzen. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

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