Die Wanze- unbeliebt, aber attraktiv und farbenprächtig

Biologie und Ökologie


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Wenn die Rede auf Wanzen kommt, löst das bei uns meist unangenehme Assoziationen aus: Entweder denken wir dabei an kleine, versteckte Abhörgeräte oder an die „Stinkwanze“, ein Tier, das einen äußerst unangenehmen Geruch verbreiten kann. Dabei bilden die Wanzen eine große und formenreiche  Insektengruppe,  und nur einige Arten verströmen bei Gefahr diesen typischen Wanzengeruch.

Rote Mordwanze

Die Rote Mordwanze (Rhynocoris iracundus), eine besonders  attraktive Wanzenart

Weltweit gibt es kaum einen Lebensraum, in dem nicht bestimmte Wanzenarten leben. Meist  handelt es sich bei ihnen um Wärme und Trockenheit liebende Landwanzen. Aber es gibt auch Wasserwanzen , die (wie Ruderwanzen, Skorpionwanzen und Rückenschwimmer) im Wasser leben. Außerdem kennen wir die kleine Gruppe der Wasserläufer , deren Lebensraum die Wasseroberfläche von Tümpeln, Teichen und langsam fließenden Bächen ist.

Wasserlaeufer

Wasserlaeufer (Gerris spp.)

Alles in allem lassen sich weltweit etwa 40 500 Wanzenarten unterscheiden,  von denen rund 1.000 in Mitteleuropa leben. Im Folgenden befassen wir uns nur mit einigen Landwanzen, darunter besonders attraktive Tiere, deren Körper in Struktur und Farbe der Schönheit mancher Käfer nicht nachstehen. Typisch für die meisten größeren Landwanzen ist der schildförmige Körper. Genauer betrachtet,  handelt es sich dabei um drei „Schilde“: das kleine Kopfschild , an dessen Rändern die beiden Facettenaugen sitzen, dahinter das deutlich größere Halsschild und das noch größere Hauptschild , das auch noch den größten Teil des Hinterleibs  bedeckt. Diese Panzerung stellt für die Wanzen einen guten und nützlichen Schutz dar: Bei drohender Gefahr oder einer anderen Störung lassen sie sich nämlich gern auf den Boden fallen und geraten so aus dem Blickfeld ihrer Verfolger. Oft hilft ihnen dabei auch ihre grüne, graue oder braune Tarnfarbe. An der Brust, dem mittleren Teil des Körpers, sitzen wie bei allen Insekten drei Beinpaare. Je nach Lebensweise sind diese Beine als Lauf- , Sprung - oder Schwimmbeine ausgebildet.

Gitterwanze

Gitterwanze
(Monanthia rotundata)

Wanzen besitzen zwei Flügelpaare: ein Paar Vorderflügel, die oft ledrig und so farbig wie der übrige Körper sind, und ein Paar unscheinbare häutige Hinterflügel.  Manchmal kann man nur mit einer Lupe sehen, wie prächtig diese winzigen Flügel sind: Die nur etwa 4 Millimeter große Netz- oder Gitterwanze (Monanthia rotunda), die im Sommer auf den blau blühenden Natternzungen zu finden ist, besitzt Flügel, die wie kunstvolle Kristallglasornamente  aussehen. Die Flugkünste der Wanzen sind sehr bescheiden und reichen nur für kurze Flüge zwischen den Nahrungspflanzen. Mit Hilfe spezieller Mundwerkzeuge stechen die Wanzen diese Pflanzen an und saugen an ihnen. Bei der Pflanzensafternährung sind manche Wanzen hoch spezialisiert. So lebt der Spitzling (Aelia acuminata) nur an Getreide, die Wolfsmilchwanze (Dicranocephalus agilis) an Wolfsmilchgewächsen, die Beerenwanze (Dolycoris baccarum) an Beerenobst und die Kohlwanze (Eurydema oleraceum) an Kreuzblütlern wie Kohl. Größere Schäden können diese Arten nur bei Massenvermehrung verursachen. Die weitaus meisten Wanzenarten leben einzeln oder in kleinen Kolonien, und wir bemerken sie nur selten.
Im Gegensatz zu den Käfern, den Schmetterlingen und vielen anderen Insekten macht eine Wanze in ihrer Entwicklung  eine „unvollkommene Verwandlung“ durch. Das heißt, die Larve, die aus einem Ei schlüpft,  sieht dem fertigen Insekt (Imago) bereits sehr ähnlich, besitzt aber noch keine Flügel. Sie entwickeln  sich erst bei der letzten der vier oder fünf Häutungen.

Bodenwanzen Ritterwanze Baumwanze
Bodenwanzen
(Tropidothorax leucopterus)
Ritterwanze
(Lygaeus equestris)
Baumwanze
(Carpocoris purpureipennis)

Eine besonders auffällige Art ist die schlanke und wunderschön rot gezeichnete Feuerwanze (Pyrrhocoris apterus). Sie ist gut 10 Millimeter lang und besitzt eine grell schwarz-rote Färbung. Gegen Ende des Winters kann man sie häufig in Parks an sonnenwarmen Stellen am Fuß von Linden, Rosskastanien und Robinien entdecken, wo sie sich in großer Zahl versammelt  und sonnt. Solche Ansammlungen  kommen zustande, weil mehrere Muttertiere ihre Eier gemeinschaftlich und klumpenweise an diesen Baumstämmen abgesetzt haben.

Streifenwanzen

Streifenwanzen 
(Graphosoma lineatum) bei der Paarung

Im späteren Frühjahr taucht auf Doldenblütlern  wie Wilde Möhre, Wiesenbärenklau und Wiesenfenchel  eine ebenfalls sehr auffällige, 8 bis 12 Millimeter große Wanzenart auf: die Streifenwanze (Graphosoma lineatum). Ihr Körper ist durchgehend mit roten und schwarzen Längsstreifen versehen, die diese Art unverwechselbar  machen. Nach der Paarung legen die Weibchen kleine gelbliche Eier in mehreren Schüben auf den Blattunterseiten ihrer Nahrungspflanzen ab. Nach rund zehn Tagen schlüpfen die ersten Larven, die bis zu ihrer letzten Häutung braun bleiben. Erst danach erhalten sie die typische rotschwarze Streifung. Die jungen Wanzen, die als erwachsene Tiere überwintern, suchen nun nach einem geschützten Platz: in morschen Baumstümpfen, unter Falllaub und in Mauerritzen.

Rotbeinige Baumwanze

Rotbeinige  Baumwanze (Pentatoma rufipes)

Die Streifenwanze gehört wie Spitzling, Beerenwanze, Kohlwanze und die recht häufigeRotbeinige Baumwanze (Pentatoma rufipes) zur Familie der Baumwanzen, die einen plumpen Körper mit oft auffälligen Schilden besitzen. Viele Vertreter dieser Familie haben Drüsen, durch die sie übel riechende Substanzen absondern können. Besonders typisch ist das für die Grüne Stinkwanze (Palomena prasina), eine unserer häufigsten Baumwanzen.

Gruene StinkwanzeGrüne Stinkwanze
(Palomena prasina)

Im Frühling sind diese Wanzen leuchtend grün, gegen Sommerende und im Herbst verfärben sie sich braun bis bronzefarben. Der gesamte Körper ist mit einer zarten Struktur von grübchenartigen Punkten bedeckt. Die Tiere leben einzelgängerisch auf vielen Laubbäumen, besonders auf Linden und Erlen, aber auch auf Disteln und Brennnesseln. Die Absonderung ihres stark riechenden Sekrets dient den Baumwanzen übrigens nicht nur zur Selbstverteidigung. Oft wird dieses Sekret auch zur Betäubung von Beutetieren wie kleinen Mücken und Käfern eingesetzt.

Ähnlich den Baumwanzen sind die Schildwanzen , deren stark gewölbter Körper über 12 Millimeter groß werden kann. Auch sie sind reine Pflanzensaftsauger und leben vor allem auf Gräsern und anderen krautigen Pflanzen.

Eine kleine Kulturgeschichte der Wanze

Der schlechte Ruf, den Wanzen bei uns haben, geht vor allem auf die Bettwanze (Cimex lectularius) zurück. Diese sehr kleine Landwanzenart lebt als typischer Ektoparasit nicht wie die meisten anderen Wanzen von Pflanzensäften, sondern vom Blut verschiedener Warmblüter,  zu denen auch wir Menschen  zählen. Die Bettwanze gehört wie die Taubenwanze und Schwalbenwanze zur Familie der Plattwanzen , die nur mit einer starken Lupe zu sehen sind. Ihr Körper ist etwa 3 Millimeter groß und flach wie ein Stück Papier. Diese „Tapetenflunder“ kann sich daher überall leicht verstecken und war vor allem in früheren Zeiten ein überaus lästiger Mitbewohner.

Bettwanze

Bettwanze (Cimex lectularius)

Da die Bettwanze nach einer Blutmahlzeit ein halbes Jahr und länger hungern kann und zudem nicht sehr frostempfindlich ist, sind befallene Betten, Schränke und Räume nur mit Mühe von einer solchen Plage zu befreien. Der Zoologe Karl von Frisch, durchaus ein Liebhaber von Insekten, distanzierte sich von der Bettwanze jedenfalls mit Nachdruck: „Eine Wanze im Haus ist eine Katastrophe!“
Die Tatsache, dass die meisten Insekten und andere Kleinlebewesen  vielen Menschen unangenehm oder gar zuwider sind, hat entscheidend  mit den jahrhundertealten Erfahrungen zu tun, die Menschen  mit Bettwanzen, Läusen und Flöhen machen mussten. Diese Tiere begleiten uns seit frühesten Zeiten und sind als „Haustiere“  sicher älter als Hund und Katze. Die Bettwanze ist unter den parasitisch lebenden Kleintieren wohl am unangenehmsten. Hierzulande schien dieses Tier schon beinahe verschwunden, aber Reiselustige brachten bei ihrer Rückkehr aus fremden Ländern auch die Bettwanze wieder mit – selbst für Tierliebhaber kein Grund zur Freude.

Wanzen als schützenswerte Insekten

Eine ganz andere Wanzenart ist die 10 bis 11 Millimeter lange, rot-schwarz gezeichnete Ritterwanze (Lygaeus equestris). Sie wurde als besonders farbenprächtige  Art von der Biologischen  Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft zum Insekt des Jahres 2007 gewählt – nicht zuletzt, um mit dem schlechten Image aufzuräumen, das den Wanzen anhaftet. Die Ritterwanze ist für den Menschen  völlig harmlos, ja sogar nützlich: Sie saugt Pflanzensäfte, macht aber auch Jagd auf mancherlei andere Insekten, die sich besonders stark vermehrt haben und für die die Ritterwanze zum natürlichen Gegenspieler wird. Man erkennt die Art leicht an der schwarzen Rückenzeichnung, die an ein Ritterkreuz erinnert und dem Tier seinen Namen gab. Die Ritterwanze lebt auf trockenen, sandigen Böden, kriecht aber auch gern auf stark riechende Stauden wie Schwalbenwurz oder Duftresede.

Durch den Umstand, dass Insekten generell ein eher schlechtes Image haben, wird übersehen, dass nur wenige, ganz bestimmte Arten uns Menschen  lästig werden oder schaden können. Weit häufiger nehmen wir von ihnen gar keine Notiz, kennen und erkennen sie nicht. Zudem werden auch sie Opfer unserer Lebens- und Wirtschaftsweise, wobei zu beobachten  ist, dass insbesondere die Artenvielfalt durch verschiedene Ver- änderungen unserer Umwelt  stark schrumpft. Ein anderer Befund zeigt, dass bestimmte Umweltgifte und Radioaktivität auch bei Klein- lebewesen zu starken Missbildungen führen können. So hat die Schweizer Tierzeichnerin Cornelia Hesse-Honegger gegen Ende der 1980er Jahre eher entdeckt, dass in bestimmten Gebieten in der Nähe von Atomkraftwerken auffällig viele Wanzen verkrüppelte Gliedmaßen, Fühler und Flügel hatten. Andere Tiere wiesen unregelmäßige Farbänderungen und Ausbleichungen  auf. Da man zu dieser Zeit noch davon ausging, dass Radioaktivität in niedrigen Dosen keine Schäden verursachen könne, konnten Wissenschaftler sich zunächst nicht vorstellen, dass es zwischen diesen Missbildungen bei Insekten und den relativ niedrigen Strahlungswerten einen Zusammenhang geben könne.

Weichwanze

Hesse-Honegger *: Weichwanze (Deraeocoris ruber)
* Hesse-Honegger, Cornelia: Heteroptera. Das Schöne und das Andere oder Bilder einer mutierenden Welt. Zweitausendeins, Frankfurt/M. 1998

Heute ist diese Erkenntnis unumstritten, und Biologen kennen mittlerweile viele ähnliche Auswirkungen  bestimmter Stoffe auf die Kleintierwelt,  etwa durch Chemikalien aller Art, die in den Boden, in das Wasser oder in die Luft gelangen. Kranke und missgebildete Insekten mögen zwar außerhalb unserer Aufmerksamkeit liegen und für unser Wohlbefinden unerheblich scheinen, aber sie sind möglicherweise als Zeichen der sich verschlechternden Umweltqualität zu begreifen – ganz abgesehen davon, dass wir uns schon aus ethischen Gründen um den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und anderen Lebewesen bemühen sollten.

 

 

 

Dieses und viele weitere Portraits von Tieren, die gerade auch für Kinder interessant sind, erschienen in den Jahren 2006-2008 in der Zeitschrift  „Betrifft KINDER“. Eine erweitere Gesamtdarstellung  finden Sie in meinem Buch „Kinder lieben kleine Tiere“ (http://www.verlagdasnetz.de).

Zitiervorschlag:
Österreicher, Herbert: Portraits von Tieren – Die Wanze. In: www.kinderfreiland.de. Datum des Zugriffs dd.mm.jjjj

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