Der Zauber der Dinge

Großvater Muhamed war der freundlichste Mann. Alle fanden das, allen fiel es auf. Was für ein freundlicher Mann, sagte auch seine Frau, meine Nena Mejrema gelegentlich, als spreche sie über einen hilfsbereiten Unbekannten. Es brach aus ihr einfach so heraus, sie klang ehrlich ungläubig, als könnte sie nicht aufhören, sich über das milde Naturell ihres Mannes zu wundern. Fast täglich kam er vorbei, um zu fragen, ob wir Hilfe bräuchten. Er brachte uns frisch geangelten Fisch, kaufte für uns ein, spitzte meine Stifte. War etwas kaputt, gab er sich Mühe, es zu reparieren, und machte selten etwas noch kaputter.

Ich hatte eine Zeitlang eine Scheu – Ekel vielleicht – vor Regenwürmern. Großvater Muhamed grub drei aus der Erde und zeigte sie mir auf der Hand. Die Regenwürmer krochen über die Lebenslinien. Ich könne, sagte er, wenn ich wolle, meine Hand neben seine legen, und die Regenwürmer würden rüberkommen. Ich tat es. Die Regenwürmer blieben beim Großvater. Sogar die mussten seine Güte gespürt haben (später spießte er sie auf den Haken). Die Scheu vor ihnen überwand ich ein anderes Mal.“ (S. 74-75 – Kapitel: Müssen Flößer schwimmen können?)

Stanišić, Saša (2019). Herkunft 
München: Luchterhand (5. Auflage), S. 74f.
UA-24100054-1