Erste Erinnerung an letzte Dinge

(....) Sommer 1984. Es ist meine erste Erinnerung, weiß ich, glaube ich, behaupte ich. Ich könnte Tante Kerstin anrufen. Sie lebt noch. Wie meine Mutter und meine beiden Väter. Der, der nicht zeugte, und der, der mir später in jener Nacht die Beine mit Eis kühlen und sie mit Mullbinden umwickeln sollte.
Ich spiele auf dem Friedhof zwischen den überwucherten Hügeln. Ich verstecke mich hinter den Blöcken und Stelen, ich hocke mich zwischen Pflanzen mit winzigen weiß und blau leuchtenden Blüten. Eine alte, vom gebückten Gehen klein gewordene Frau wirft welke Blumen und trockene Kränze auf den Kompost. Sie hält eine Blechgießkanne unter den rostigen Wasserhahn und verschwindet hinter den Buchsbaumhecken.
Ich ducke mich, fahre mit den Fingern über den glatten Stein, fühle die rauen Vertiefungen der gemeißelten Buchstaben und warte auf das Unwahrscheinliche. Ich warte darauf, entdeckt zu werden. Ich wünsche es mir. Ich fürchte mich davor.
Meine gesamte Kindheit wohnten wir auf dem Dorf, in bäuerlich geprägten Ortschaften, die ihre glanzvollere Vergangenheit gut verbargen. Auch damals wohnten wir in einem Dorf, nur ein paar Schritte entfernt von der einzigen Bushaltestelle des Ortes, im oberen Geschoss des alten Küsterhauses direkt neben der turmlosen Kirche mit dem hohen Feldsteinchor. Unser Hof grenzte unmittelbar an das Gräberfeld. Nicht mal ein Zaun trennte die beiden Komposthaufen. In meiner Erinnerung war ich fast immer allein. Allein auf dem Friedhof, allein in dem von hohen, roten Mauern umgebenen Obstgarten, allein auf dem Steinhaufen, von dem ich, wie meine Mutter meint, an jenem Tag immer wieder gesprungen sein soll.
Doch niemand kam, das Wunder blieb, wie immer, aus. Stattdessen pflückte ich ein paar Blumen von den kleinen Beeten, rupfte Stiefmütterchen aus dem Boden und zog einzelne Tulpen aus den spitzen, in der Erde steckenden Kunststoff-Vasen.
Ich ahnte etwas, aber ich wusste nichts. Jedenfalls nicht, dass die Blumen Abwesenden gehörten, Toten, die in gezimmerten Kästen unter der Erde verwesten. Als ich den Strauß nach Hause brachte, schimpfte meine Mutter und erklärte mir nichts.
Den Tod kannte ich noch nicht. Dass Menschen sterben, dass ich selbst eines Tages sterben würde, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Als mein Cousin mich einige Zeit später in dieses Geheimnis einweihte, glaubte ich ihm nicht. Ich war sicher, er hatte, wie so oft, etwas aufgeschnappt und falsch verstanden. Er grinste. Er war sich seiner Sache sicher. (....)

Schalansky, Judith (2018). Verzeichnis einiger Verluste 
Berlin: Suhrkamp (aus: Das Schloss der von Behr. S. 138-139)
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