Der Brennpunkt der Welt

Es gibt ein Dorf, in dem mein Vater, meine Mutter, meine Großeltern, mein großer Bruder und seine Frau, meine Schwestern leben, ein Ort im Nirgendwo, so wenig unterscheidbar von ande­ren wie ein Grashalm in der Steppe oder ein Sand­korn in der Wüste.

ln meiner Erinnerung ist es ein großes Dorf mit etwa 2 000 Einwohnern; heute ist es mit mittler­weile 5 000 Einwohnern sogar ein ziemlich großes Dorf Das liegt nicht nur am Geburtenzuwachs, sondern auch an der Welle von Zuwanderern. So wie es viele Chinesen gen Peking und Schanghai zieht oder viele Menschen auf der Welt in die USA und nach Europa, so sind alle Bewohner der um­liegenden Weiler und Gebirgstäler begierig auf ein Leben in meinem Heimatdorf.

In diesem Dorf gab es früher einmal einen Marktplatz, zu dem die Menschen aus einem Um­kreis von zehn Kilometern fünf Mal pro Woche zum Kaufen und Verkaufen gepilgert sind. Heute ist aus dem Marktplatz eine blühende Einkaufs­meile geworden, wie die Wangfujing in Peking, die Nanjinglu in Schanghai, Central in Hongkong oder der Broadway von New York, wo Kommerz und Kultur, Politik und Folklore ihren Nährbo­den finden, sich verbreiten und verwirklichen. Im Laufe der explosionsartigen Expansion der chinesi­schen Städte ist auch aus dem kleinen Marktflecken ein ganzer Landkreis geworden und das ehemalige Dorf ist Regierungssitz dieses Kreises, so wie Pe­king für China, Tokio für Japan, London für Eng­land, Paris für Frankreich ... Soweit zu der Blüte, der Ausdehnung und der Gegenwart dieses Dorfes.

Der wörtliche Name für China – Reich der Mitte – rührt vom traditionellen Selbstverständ­nis Chinas als Zentrum der Welt her - und es nennt sich zu Recht Reich der Mitte, denn das ist es, das Zentrum der Welt. So wie die chinesische Provinz Henan traditionell nicht Henan hieß, son­dern Zhongyuan, Zentralebene, weil sie genau das war: das Zentrum Chinas. Und unser Landkreis liegt genau in der Mitte der Provinz Henan, unser Dorf genau in der Mitte des Landkreises. So be­trachtet ist mein Dorf das Zentrum Henans, Chi­nas, der Welt. Mir erscheint diese Erkenntnis wie ein Geschenk des Himmels, als habe Gott mir den Schlüssel zum Paradies überreicht. Denn sie läßt mich glauben, daß ich, auch wenn ich nur dieses Dorf kenne, ganz China kenne und die ganze Welt.

Ich war noch sehr jung, als mir eines Tages be­wußt wurde, daß mein Dorf das Zentrum Chinas ist, und China das Zentrum der Welt. Es hat mich damals in meiner Naivität ganz ehrlich innerlich aufgewühlt, denn ich fühlte es, klar und deutlich, daß ich auf den zentralen Koordinaten der Erde lebte. Es stachelte mich an, nun auch das Zentrum dieses Dorfes zu finden, als wollte ich den absolu­ten Mittelpunkt der Welt finden, und so schritt ich spätnachts unter Mondlicht das Dorf ab, um die Entfernungen in alle Richtungen seiner Grenzen zu vermessen. Meine Familie hatte ursprünglich am westlichen Ende des Dorfes gelebt, doch mit der räumlichen Ausdehnung des Dorfes zogen im­mer mehr Familien an den Stadtrand, wo sie sich Ffäuser mit Gärten errichteten, und die Grenzen verschoben sich nach Westen, so daß die neuen Ideen und neuen Lebensentwürfe das Zentrum des Dorfes just auf unseren Hof verlagerten, vor unsere Eingangstür. Wenn also unser Dorf der zentralste Ort der Welt ist und vor unserer Haustür das Zen­trum dieses Orts liegt, heißt das dann nicht, daß meine Familie den absoluten Mittelpunkt der Welt bildet? Die Koordinaten des Zentrums dieses riesigen Erd­balls auf sich vereint?

Allein der Gedanke, daß ich der einzige in unserer Familie und der ganzen Nachbarschaft war, der nun das Geheimnis kannte, ließ mich ganz unruhig werden, aufgeregt und traurig zugleich. Aufgeregt war ich, weil ich jetzt wußte, wo der Mittel­punkt der Welt lag; beunruhigt, weil ich unbewußt begriff, daß den Menschen, die im Zentrum der Welt leben, unbemerkt eine besondere Verantwortung zufällt, eine besonde­re Biographie, ein besonderes Leid vielleicht, so düster wie glorreich, so wie Lava im Innern eines Vulkans besonders heftig kocht, das Meer an seiner tiefsten Stelle besonders kalt und still ist und meine Familie als Zentrum des Zentrums eine ganz au­ßergewöhnliche Geschichte und Aufgabe überneh­men muß. Aufgeregt war ich auch, weil ich noch zu jung und ignorant war und damals, als Kind, nicht wirklich begriff, gar nicht in der Lage war zu akzeptieren oder zu glauben, daß das Zentrum der Welt dort lag, wo ich es verortet hatte. Niemand würde mir Glauben schenken und ich würde von meiner Umgebung nur Verachtung und Spott ern­ten, wenn ich meine Erkenntnis teilte.

Traurig war ich, weil außer mir nun leider niemand auf der Welt den Mittelpunkt der Welt kannte. Es tat mir leid um unser [Dorf, man stelle sich vor, ein Kaiser käme vom Himmel herab und das Volk würde es gar nicht bemerken. Es tat mir leid um alle Orte und Völker der Erde, um ihr Le­ben, ihre Arbeit, so viele Generationen lang schon wußten sie nicht, wo das Zentrum des Lebens auf der Welt lag. Täglich gingen sie zu ihrer Haustür hinaus, zu ihren Hoftoren ein und aus, und wuß­ten doch nie, ob das große Tor an ihren Häusern und Höfen nach Westen oder nach Osten zeigt.

In jener Nacht muß ich zehn Jahre alt gewe­sen sein, alles schlief und träumte, das Mondlicht floß wie ein Strom, und ich stand unter dem stil­len und verlassenen Eingangstor zu unserem Haus, dem Zentrum der Welt, blickte hinauf zum Ster­nenhimmel, eitv Moment im Universum, wie der kleine Prinz aus dem Buch Der kleine Prinz, der auf seinem Planeten steht und die fernen Galaxien be­trachtet. Unfähig, der Welt meine Entdeckung zu verkünden und mir selbst zu glauben, daß das Dorf meiner Familie der Mittelpunkt und Schmelztiegel der Welt war, einsam; der Schmerz und die Ver­zweiflung darüber, dieses Geheimnis für mich be­halten zu müssen, drohten mich zu ersticken. (....)

Lianke, Yan (2016). Der Brennpunkt der Welt. Mein Dorf in China, ein Fleckchen Erde, ein Heimatort im Nirgendwo. Lettre International Nr. 113, 115-119. Berlin: Lettre International VerlagsGmbH. (orig. 2014. Aus dem Chinesischen von Karin Betz) (S. 115f.)
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