Ameisen im Garten

Wenn ich in den Garten gehe, nehme ich oft eine halbe Handvoll Zucker für die Ameisen mit. Ich streue ihn ins Gras oder neben mich auf die Bank oder auf den Gartentisch, die Ameisen finden ihn schnell und schleppen ihn fort. Ich sehe Ihnen gerne dabei zu, wie sie sich die Zuckerkörner eins nach dem anderen aufladen oder immer zahlreicher heranpirschen, den Zuckerhaufen schwarz überfluten. Manchmal rede ich mit Ihnen, erzähle ihnen von Vater und Mutter, von meinem früheren Leben.

Ich passe auf, dass Großmutter nicht mitbekommt, wenn ich in die Zuckerdose greife, einmal erwischt sie mich aber doch, blickt mich an, fragt nichts, ich kippe mir den Zucker in den Mund, kaue, er knirscht noch zwischen meinen Zähnen, als ich sage, dass ich vom Training immer Hunger auf Süßigkeiten bekomme. Großmutter zieht eine Schublade auf, legt einen kleinen bauchigen Holzlöffel auf den Tisch, den ich das nächste Mal benutzen soll. So, wie sie es sagt, weiß ich, dass sie mir nicht glaubt.

Seitdem steckt der Holzlöffel in der Zuckerdose. Die nächsten drei Tage bringe ich den Ameisen keinen Zucker.

Am vierten Tag schöpfe ich einen halbvollen Holzlöffel Zucker in meine Hand, bringe ihn hinaus und kippe ihn am Fuß des Pflaumenbaumes ins Gras. Sofort sind die Ameisen da und bringen ihn weg. Ich beobachte sie, gehe nach hinten zur Gartenbank und mache mich wieder daran, den Nussbaum in mein Zeichenheft zu zeichnen.

Als ich ins Haus zurückkomme, macht Großmutter im größten Topf Wasser heiß. Sobald sie mich sieht, zieht sie den Topf von der Flamme, legt Küchentücher auf seinen beiden Henkel, sagt, ich solle ihr helfen, wenn wir zu zweit trügen, schwappe nichts über.

Ich kriege den linken Henkel, selbst durch das Küchentuch ist er noch sehr heiß. Wir nehmen den Topf, gehen aber nicht ins Bad, um den Abfluss mit siedendem Wasser zu reinigen, sondern zur Tür, laut zählt sie die Stufen, damit wir im Gleichschritt bleiben und das heiße Wasser nicht auf uns schwappt.

Wir gehen nach hinten zum Holzschuppen. Ich denke, Großmutter will das Wasserrohr reinigen, doch wir bleiben nicht beim Gitterdeckel stehen, gehen weiter, vorbei am Nussbaum und am Gebüsch, fast sind wir schon bei den hinteren Thujen, dort, wo sich das große Ameisennest befindet. Ich mache einen falschen Schritt, vom heißen Wasser schwappt ein wenig aufs Gras, Großmutter nimmt mir den Henkel ab. Ich will sagen, bitte nicht, die Ameisen haben niemandem etwas zuleide getan, doch sie steht bereits vor dem Ameisennest, schwingt den Topf und gießt das heiße Wasser aus.

Knisternd stürzt das Nest ein, schwarzer Dampf steigt auf, zwischen den Erdklumpen sind die Ameisengänge zu sehen, das Wasser wird schwarz, brodelnd und blubbernd verschwindet es in den Tunneln, fließt um das Nest, reißt strampelnde Ameisen mit.

Großmutter tritt auf das Nest, mit ihrem Absatz hackt sie auf die Erde ein, sieh einer an, sagt sie, was für eine riesige Ameisensiedlung, das bisschen heißes Wasser macht Ihnen nichts aus, was ich brauche, ist Ameisenpulver, irgendwo habe ich noch einen halbe Tüte, na, das gebe ich Ihnen gleich mal. Sie dreht sich auf dem Absatz um, hält auf den Holzschuppen zu, ihre Schritte hinterlassen Schlammspuren im Gras.

Ich betrachte die dampfende Erde, die in der schwarzen Schlammbrühe schwimmenden Ameisen, mein Brustkorb schmerzt und pocht, ich weiß, es ist mein rasendes Herz.

Ich drehe mich nach Großmutter um, sehe sie im Holzschuppen verschwinden, ich hocke mich hin, greife in die warme Erde, hole einen großen Schlammklumpen heraus, dann noch einen und noch einen, in den Gängen wimmeln die Ameisen, sie klammern sich aneinander, sie klammern sich an ihre Eier, versuchen im Schlamm zu schwimmen, sie krabbeln auf meine Hand, krallen sich in meine Haut, es ist, als wollten sie mich irgendwohin ziehen, tiefer hinein in die Ruinen ihres Nestes. Ich hole weitere Klumpen heraus, die Erde ist hier nicht mehr so feucht und nicht mehr so warm, die Gänge haben das Wasser wohl irgendwo anders hingeleitet, ich entdecke eine faustgroße Höhle, beinahe trocken, das Wasser ist nur an einer Ecke eingedrungen. Die Höhle ist voller Ameisen und Eier, schwarz ballen sie sich zusammen und wimmeln umher, in ihrer Mitte sehe ich eine, die viel größer ist als die anderen, fast so groß wie die beiden letzten Glieder meines Ringfingers, sie bewegt sich nicht, liegt nur mitten im Gewimmel.

Ich sehe mich um. Großmutter ist immer noch im Holzschuppen, sie hat das Ameisenpulver wohl noch nicht gefunden. Mit ausgestreckten Fingern greife ich behutsam unter die sich aneinanderklammernden Ameisen, hebe vorsichtig den ganzen wimmelnden Haufen aus der Erde. Der Haufen in meiner Hand ähnelt einer riesigen, lebendigen Brombeere. Ich blicke mich nach einem Platz um, wo ich sie verstecken könnte, hinter den Thujen steht der Eimer fürs Schneckensammeln mit Großmutters Schaufel drin, dort lasse ich den Ameisenhaufen vorsichtig hineingleiten.

Ich höre, wie Großmutter die Tür des Holzschuppens zuschlägt. Schnell nehme ich die Schaufel aus dem Eimer, gehe zurück zu der dampfenden Ruine des Ameisennestes, werfe etwas Erde in die kleine Höhle, dann schaufle ich weiter, als suchte ich nach etwas.

Großmutter steht neben mir, in der Hand eine große, oben verkrumpelte Papiertüte. Sie öffnet sie, schüttet weißes Pulver auf die Erde, reißt mir die Schaufel aus der Hand und sagt, ich solle lernen, wie man das Pulver eingräbt. Mehrmals sticht sie mit der Schaufel in die Erde, streut in einer langsamen Spirale das Pulver über die Klumpen und den Schlamm, zerkleinert sie mit der Schaufel, mischt und knetet den Schlamm, der allmählich grau wird.

Als sie fertig ist, gibt es keine einzige Ameise mehr, wo der Ameisenhaufen war, ist nur noch ein großer grauer Fleck geblieben. Mit der flachen Schaufelseite schlägt sie ein paarmal auf den Fleck, glättet und tätschelt ihn, wischt die Schaufel am Gras ab, blickt sich um, sucht den Eimer für die Schnecken. Sie entdeckt ihn zwischen den Thujen, macht einen Schritt, ich spüre, wie sich mir der Magen zusammenkrampft, doch Großmutter geht nicht näher heran, sie wirft nur die Schaufel hinein. Ich höre, wie sie mit einem Knall in den Eimer fällt, sich quietschend dreht, das Geräusch jagt mir einen Schauer über Arme und Schultern. Ich darf nicht an die Ameisen denken.

Großmutter faltet die Tüte mit dem Ameisenpulver zusammen, winkt mir, ich solle den Topf nehmen, und wir gehen ins Haus zurück. Sie sagt nichts, auch ich sage nichts, nur in meinem Kopf kreist es unentwegt, arme Ameisen, arme Ameisen, arme Ameisen.

Dragomán, György (2015). Der Scheiterhaufen. Roman. 
Berlin: Suhrkamp (S. 250f.)
(orig. Máglya, 2014. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer)
UA-24100054-1